ABGELEBT
scheisszeitenwende 146
Hildchen VII
Hilde Küneke verließ ihren Mann 37 Tage vor dessen Tod. Sie kam fürs Erste bei einer Freundin unter, mietete anschließend ein winziges Zimmer in Neukölln. Hilde besaß zu dieser Zeit einen kleinen Pappkoffer mit etwas Leibwäsche, einem Kostüm, ein paar Fotos und den nötigen Toilettenartikeln. Den Rest hatte sie in der ehelichen Wohnung zurück gelassen. Nach Pits Tod wollte sie ihre Sachen holen, doch Pit hatte alles, alles, alles durchgebacht. Hilde blieb auf den Begräbniskosten und seinen Schulden sitzen.
Auch gut.
Das war’s mit den Kerlen. Nie mehr, schwor sich Hildchen Küneke – und sie hielt sich dran. Sie war eine fidele sinnliche Frauensperson, sie tanzte gern und tändelte mit den Herren. Aber in die Kiste ließ sie sich nicht mehr kriegen.
Eine Freundin, hübsch beschwipst, sagte mal zu ihr: „Sag’ mal, kommst Du Dir nicht komisch vor? Du bist ja da unten wie zugenäht.“
„Ach, das ist okay. Da habe ich wenigstens keine Probleme. Ich brauch’ keinen Mann mehr, das kannste mir glauben. Alles Gartenzwerge!“
Hilde Küneke ist eine energische Frau mit einem starken Willen. Sie bezahlte die Schulden, die ihr Pit – der Herr möge ihn zum Teufel schicken – hinterlassen hatte. Sie arbeitete hart. Eröffnete einen kleinen Handel für gebrauchte Möbel in Kreuzberg. Der lief bis in die 80er ziemlich gut, dann wanderte die Kundschaft zum IKEA in Spandau ab.
Nun saß sie an dem kleinen Tischchen in der Garage inmitten der vielen Möbel, die niemand mehr wollte. Manchmal verscherbelte sie was an neu zugezogene Türken – doch davon konnte sie nicht leben.
Hildegard Küneke musste putzen gehen. Sie hatte nette Kundschaft, in zwei besseren Häusern in der oberen Kantstraße. Altbau, ganz hohe Zimmer. Große Fenster mit einem Glas, das man nie schlierenfrei kriegte. Perserteppiche und jede Menge Tinnef zum Abstauben. Aber die Arbeit machte Spaß. Hilde konnte sich die Zeit nach ihrer Fassong einteilen, niemand quatschte ihr rein. Oft war die Herrschaft wochenlang nicht im Lande, die hatten noch eine Finca auf Mallorca.
Zwölf Monate Arbeit im Jahr. Urlaub, nee, warum auch, mit wem auch? Manchmal traf sie sich mit Freundinnen auf ein Glas Wein, ansonsten hatte sie keine nennenswerten Ausgaben. Hilde konnte jeden Monat ein kleines Sümmchen aufs Sparbuch einzahlen.
Die Stadt verkam ein wenig, und das Wohnen wurde erschwinglich. In Rudow fand Hilde Küneke ein kleines heruntergekommenes Haus, das niemand so recht wollte. Sie kaufte es. Richtete sich schön ein: viel Plüsch, viel schnörkeliges Porzellan, dicke Teppiche und dicke Gardinen. Jede Fensterbank voller Pflanzen. Zwei Katzen und ein Kanari-Pärchen. Schöner Fernsehsessel, kuschliges Bett. Hilde Küneke machte es sich wohl.
Und weil sie nicht gestorben ist, lebt sie heute noch.
