VER-SOFFEN
scheisszeitenwende 145
Hildchen VI
Pit wurde dick, unansehnlich. Ein formenloser Findling von Mann. Seine Gesicht zerrüttete in kurzer Zeit, die Nase verwuchs sich zu einer violett-adrigen Knolle. Die Firma entließ ihn, einen neuen Job bekam er nicht und wollte er auch nicht. Er verließ – wenn er denn zuhause aufwachte – vormittags die Wohnung und trieb sich in der Stadt herum. Doof nur, dass er keine Karre mehr hatte. Zuerst war der Lappen weg, wegen läppischer 1,2 Promille, dann der Taunus, wegen notorischer Klammheit. Pit hatte so seine Adressen. Ku’damm, zwischen Uhlandstraße und Halensee. Er saß die Zeit in seinen Pinten ab, bequatschte mit Kumpels Projekte, die das große Geld bringen sollten, machte sich an Frauen ran, die ihm über den Weg liefen. Abends hatte er dann genug – entweder kriegte er aber die Kurve nicht und versackte. Oder er schaffte es halbwegs aufrecht nach Hause, und dann standen die Chancen nicht schlecht, dass er sein Hildchen vertrimmte.
Ein Glück, dass Pit – trotz seiner imposanten Statur – von anfälliger Gesundheit war. Auch wenn er es nicht wahrhaben wollte: Das Saufen bekam ihm nicht. Aufhören konnte er nicht mehr, obgleich er wusste, wie sehr er mit dem Feuer spielte.
Auch der Arzt richtete nichts aus. „Herr Küneke“, sagte der Doktor, der ihn wegen einer schlimmen Grippe visitierte, „wenn Sie das nicht in den Griff bekommen, kann ich für nichts garantieren.“ „Mir doch ejal“, brummte Pit. Der Arzt, ungehalten: „Ich weiß nicht, ob Sie mich richtig verstanden haben, Herr Küneke. Wenn Sie weiter so trinken, werden Sie daran sterben.“ Küneke, mit zornigen geröteten Augen: „Herr Dokta, det is imma noch meine Sache, wa? Also, sin’Se ruhig, bitteschön.“
Der Arzt schrieb etwas gegen die Grippe auf, zuckte mit den Schultern, packte seine Siebensachen ein und drückte sich an Hildchen, die – blass und ungerührt – die Szene beobachtet hatte, vorbei durch die Tür.
Beim nächsten Mal betrat er das Zimmer, in dem ein tot gesoffener Pit in seiner eigenen Scheiße und Kotze lag. Da war Hilde schon ausgezogen.
