WUT-WILD
scheisszeitenwende 144
Hildchen V
Pit. Betrunken. Verlebt. Zornberstend. Streit suchend.
„Sachma, haste Tomaten uffe Ohrn? Ick hab jefragt, wat et zun Essn jibt. Un nich, wo de Zeitung is.“
„Schon gut, es gibt Buletten und…“
„Viel fällt Dir aber auch nicht ein.“ Pit redete nun sehr leise und zwang sich zum Hochdeutschen. „Soweit ich mich erinnern kann, hatten wir erst letzte Woche Buletten, in der Woche davor und in der Woche davor auch. Würde es Dir etwas ausmachen, ab und zu das Kochbuch zu konsultieren, vielleicht bringt Dich das auf neue Ideen. Das ist wohl das Mindeste, was ich nach einem langen Arbeitstag erwarten darf. Hat Madame das begriffen, habe ich mich verständlich ausgedrückt?“
Hilde Küneke hob zwei Fleischbälle auf den Teller, wollte Kartoffelbrei dazu tun.
„Tschuldjung, ick hab Dir wat jefracht.“
Sie klatschte schweigend den Brei neben die Buletten.
„So ist das also: Man redet nicht mehr mit mir. Ist das so?“
Sie trug den Teller zum Tisch. Pit sah, wie seine wortlose Frau auf ihn zu kam. Er stützte sich vom Stuhl hoch, stand nun da, groß und mächtig und voller Wut.
Sie wollte den Teller abstellen. Da schlug er zu. Das Geschirr fiel zu Boden, das Püree verteilte sich, die Buletten kollerten unter den Tisch. Hildes Wange rötete sich sofort. Erstaunt blickte die Frau ihren Mann an. Erstaunt schaute er zurück. Er überlegte. Wieder flutete die Wut in ihm hoch.
Noch einmal schlug er zu. Diesmal fester.
Der Bann war gebrochen. Nur zu!
Hilde Küneke ertrug ihren Mann gegen alle Vernunft. Sie nahm hin, dass er sie vermöbelte, erniedrigte, beschiss. Entweder stank er nach Fusel – oder nach fremder Frau. Er hatte keine Hemmungen mehr. Kam und ging, wann er wollte. Riss die frisch gewaschene Wäsche aus dem Schrank, fraß den Kühlschrank leer und war wieder weg.
Anfangs weinte sie sich die Augen aus dem Kopf. Dann hatte sie keine Tränen mehr, nur noch Angst, wenn der Schlüssel sich im Schloss drehte. Hilde Küneke versuchte, ihr Leben an Pit vorbei zu führen. Er bekam das mit und bestrafte sie für jede Eigenmächtigkeit.
