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scheisszeitenwende 143
Hildchen IV
Es ging bergrunter mit dem kraftstrotzenden Pit.
Zuerst war er in diesem Zustand noch kleinmütig und traurig. Er saß am Küchentisch, trank Bier und Korn, blickte uninteressiert auf die Zeitung. Wenn er genug hatte, schlappte er ins Schlafzimmer und ließ sich quer aufs Bett fallen. Sie zog ihm die Hosen und die Hausschuhe aus und schob ihn in die richtige Position. Ihr gefiel gar nicht, was sie sah: diesen großen Mann, der seine Würde versoff und alles Zupackende von früher verloren hatte.
Hilde Küneke hoffte, dass die Phase der Schwäche ein Ende haben würde, von einem Tag auf den anderen. Manchmal, am Sonntag, kam ja der Pit zum Vorschein, in den sie sich so verknallt hatte. Dann hatte sie wieder die Härchen, die zu Berge standen; ihr wurde es zwischen den Beinen warm, und sie fühlte sich wundersam aufgeregt.
Manchmal schliefen sie dann auch miteinander. Es war ganz schön, wirklich, zumindest unangenehm war es nicht.
Einmal fing er nach der Liebe an zu weinen. Er vergrub seinen Kopf zwischen ihren Brüsten, sein Körper schütterte.
„Was haste denn?“
„Ach, Hildchen. Es geht nich weiter. Und ick weeß nich, was ick machen soll. ’s is, als ob alle gegen mich wären.“
„Sag’ das nicht. Wir haben’s doch schön. Und Deine Geschäfte werden auch wieder besser gehen. Mal ist es besser und mal schlechter, so isses halt.“
„Wennde meinst. Ich kann nur sagen, ich bin ziemlich verzweifelt.“
Pits Verzweiflung verwandelte sich in Zorn. Er kam immer später nach Hause, immer wütender. Seine schlechten Stimmungen begannen mit kalter Wut, die in heiße Hass-Attacken umkippte. Er zerknüllte die Zeitung, schob den Teller mit dem Abendbrot über den Tisch. Er hämmerte mit der Faust gegen die Wand und brüllte bei Kleinigkeiten los.
Dann kam Hildchen an der Reihe.
Es war im Frühjahr. Den Tag über hatte die Sonne geschienen, die Menschen machten frohe Gesichter, weil der Winter nun endgültig passee war. Großes Sternen-Gefunkel am Nachthimmel, ein eindrucksvoller Vollmond schob sich über die Stadt.
Vollmond, das hieß: Vorsicht! Pit reagierte ausgesprochen gereizt auf Vollmond.
Hilde hatte Buletten und Kartoffelpüree vorbereitet. Die waren kalt geworden, weil Pit sich wieder mal verspätete. Gegen halb zehn kam er, Hilde hörte seine schweren Schritte auf der Holztreppe in den ersten Stock. Der Schlüssel kratzte an der Haustür, drehte sich schließlich im Schloss. Schnaufend ließ Pit sein Köfferchen fallen, hängte den Mantel an den Garderobenhaken und betrat die Wohnküche. Er hatte einen stieren Blick und ungesund gerötete Backen.
„Hallo, Pit“, sagte Hilde, stand vom Küchentisch auf und wollte zum Herd.
„Hallo“, sagte Pit.
Sie machte sich an der Pfanne zu schaffen. „Wie war’s heute?“
Falsche Frage.
„Wie immer. Ja, genau: Wie immer! Was gibt’s ’n zum Essen?“
„Ist gleich fertig. Setz Dich doch schon mal hin und lies ein bisschen Zeitung.“
Falscher Satz.
