UNSCHULDIG
scheisszeitenwende 141
Hildchen II
Hildegard Küneke – geboren als Hildegard Grabwitz in Pankow, aufgewachsen im Wedding – kann sich ihre Jahre ohne Berlin gar nicht vorstellen.
Ihre Eltern haben sich gekümmert, so gut sie konnten. Hilde war das einzige Kind. Die Mutter arbeitete in der Kantine bei Siemens, dort hatte sie auch ihren Mann kennen gelernt. Der baute irgendwelche klitzekleinen Teile zusammen und konnte zuhause alles Elektrische reparieren.
Tagsüber waren die Mutter und der Vater auf Arbeit. Zwischen fünf und sechs kamen sie nach Hause, und dann hatten sie Zeit für die Tochter. Der Vater bastelte und spielte mit Hildchen; am Sonntag unternahmen sie lange Spaziergänge in den Tiergarten oder in einen anderen Park, an ganz tollen Tagen besuchten sie den Zoo. Die Mutter brachte ihr das Nähen und Stricken bei; sie sang die ganze Zeit, und wenn sie nicht sang, las sie etwas vor. Mit der Mutter machte Hildchen auch die Hausaufgaben.
Eine unbeschwerte, selbstständige Kindheit, die komplikationsfrei in die fröhliche Pubertät überging. Sie war mit sich im Reinen – zumal sie den schönsten Busen von allen hatte.
Mit 17 durfte sie – die Lehre als Hutmacherin hatte sie mit schönen Noten abgeschlossen – freitags bis elf Uhr nachts weg. Man hatte nicht sehr viel Geld, und Hildchen ließ sich erst einladen, wenn sie den Verehrer schon eine Weile kannte – also musste man beim Bummeln sparen. Kichernd und untergehenkelt zogen Hildchen und ihre Freundinnen von einem Schaufenster zum nächsten und träumten, was sie sich kaufen würden, wenn sie denn einen reichen Mann geangelt hätten.
Ihre erste erwähnenswerte Romanze begann traumhaft und zerschellte albtraumhaft. Der Typ wollte ihre Titten und einen Fick, nicht mehr. Dafür legte er sich ins Zeug. Nachdem er sie entjungfert hatte, war er weg.
Der Sex hatte weh getan. Hildegard legte keinen gesteigerten Wert auf eine Wiederholung. Schwofen in Klärchens Ballhaus, eine Landpartie mit ein bisschen Knutschen, das war okay. Aber Beischlaf? Gott bewahre, musste sie nicht haben.
Sie genoss das Leben auch ohne Gebumse. Sie liebte Filme mit der Knef, Curd Jürgens, Hans Albers. Peter Kraus machte sie ganz wild, die wilden Jungs aus England und den Staaten auch. Hildchen war eine echte Partynudel, die für jeden Jux zu haben war. Sie traute sich, vom Fünf-Meter-Turm zu hüpfen, sie kreischte bei den Wannseer Wasserspielen am lautesten. Die Arbeitskollegen mochten die hilfsbereite, immer fröhliche junge Kollegin. Die Eltern waren stolz, tierisch stolz auf ihr Hildchen.
Manchmal fragte eine Freundin: „Sachma, warum haste keen Freund? Magste nich oda kannste nich?“
Dann lachte Hildegard (es war ein ehrliches unverbogenes Lachen): „Wird schon werden. Ich hab’s nich eilig. Kommt Zeit, kommt Rat.“
