HILDCHEN
scheisszeitenwende 140
Die nächste Postkarte nach Bayern:
Wo das hinführt, weiß ich nicht.
Bin im Ibis in Schöneberg gelandet. Schreibe eine lange Geschichte ins Moleskine. Über Hilde.
Die habe ich am Adenauerplatz kennen gelernt. Nee, nee, nicht schon wieder eine Frauen-Geschichte.
Diesmal eine Frauen-Geschichte. Über eine Frau, mit der ich nichts habe.
Er klebt eine Marke auf die Karte und bringt sie an die Rezeption. Fährt zu seinem Zimmer hoch und setzt sich an die Geschichte der Hilde Küneke.
Hildchen
„Wat is? Wie wär’s mit ’m kleen Sekt?“
Warum nicht. Es saß sich amüsierlich am Adenauerplatz. Ich kuckte mich satt am Leben. Aufgekratzte Touristen, unbeteiligte junge Leute, alte Menschen mit dem Sterben im Körper, müde gearbeitete Werktätige, windige Geschäftemacher, wichtigtuende Anzugträger, matte Mütter, aufreizende Minirock-Schönheiten, Verlierer und Gewinner.
Ich sah ihnen gerne nach und malte mir das Leben der Frauen und Männer aus, die ich nie kennen lernen würde. Es war schön: Ich gehörte dazu und doch wieder nicht.
Jetzt fragte die fremde Frau, wie es mit einem Sekt wäre. Sie sei übrigens Hildchen.
„Gute Idee.“ Ich bestellte einen Prosecco für Hildchen und einen Kaffee für mich.
„Sie waren früher oft hier, vermute ich mal.“
Hildchen strahlte und hatte schöne grüne Augen. „Das könn’Se laut sagen. Der Ku’damm war dit Höchste.“
Da war sie dann wohl mit den Freundinnen an Sonntagnachmittagen übers Trottoir flaniert?
„Wo denken’Se hin! Der Sonntag war wat für die Landeier.“
