VERKNALLT
scheisszeitenwende 142
Hildchen III
Pit.
Der Mann ihres Lebens. Pit Küneke. Groß wie ’ne Telefonzelle. Einer zum Anlehnen. Die schwarzen Haare hatte er mit viel Brillantine nach hinten gekämmt. Ohne seine Lederjacke verließ er das Haus nicht, er trug nur Röhrenjeans und spitze Schuhe.
’n Auto hatte er auch. Zu mehr als einem Ford Taunus reichte es nicht, doch immerhin: Er war rot und hatte weiße pfeilförmige Rallyestreifen. Vierzylinder-Viertakt, 1172 Kubik, 38 PS, untenliegende Nockenwelle, Spitze 112 Stundenkilometer, bergab schaffte er an die 120.
Man konnte sich zu sechst rein packen und was unternehmen. Nun gut, das alles spielte sich in West-Berlin ab, auf die Transitstrecke trauten sie sich mit dem Autochen nicht. Aber auch in der Stadt tat Mobilität sehr gut. Die Lieblings-Disco der Clique lag in Steglitz, gebummelt wurde zwischen KadeWe und Kantstraße.
Wer behaupten würde, Pit sei ein Kavalier gewesen, der irrt mächtig. Pit hatte es nicht mit Manieren. Der war so selbstbewusst, dass man nur staunen konnte. Er trat auf wie ein bekannter Schauspieler oder Schlagersänger oder so was. Was er sagte, musste stimmen, so war das nun mal.
Eigentlich behandelte er Hildchen von Anfang an wie Dreck. Er forderte sie zum Tanz auf und ließ keinen Zweifel daran, dass sie zu ihm, dem ihr Unbekannten, Ja sagen musste. Er legte sie in seinem Taunus nach dem ersten Abend halbflach und ließ sie danach zwei Wochen zappeln. Dann erbarmte er sich und schlief mit ihr. Es war ein warmer Sommerabend, er hatte in einer Seitenstraße nahe der neuen Mauer geparkt.
Es war schön, sie Hilde mochte Pits Kraft und Bestimmtheit. Es tat nicht weh, und sie genoss seine Aufmerksamkeit.
Er berührte ihren Arm, und die Härchen stellten sich auf. Er küsste sie, und sie musste die Augen schließen. Wenn sie miteinander schliefen, bekam Pit eine tiefe raunende Stimme – das machte ihr einen wohligen Schauder.
Sie verfiel diesem Mann.
Nach einem Jahr fragte er, ob sie heiraten wolle. Welch ein Glück!
Sie waren Mitte zwanzig. Hilde Grabwitz wurde zu Hilde Küneke und arbeitete weiter hart. Pit Küneke heiratete und erklärte, die harte körperliche Maloche als Kunstschmied sei nichts mehr für ihn. Er wollte hoch hinaus. Ließ sich als Vertreter für Arzneimittel anheuern. Das war ein Job nach seinem Gusto. Er zog mit seinem Köfferchen los und beschwatzte die Kundschaft. Reden, ja, das konnte der Pit. Er verkaufte gut, anfangs zumindest.
Dann brachen die Umsätze ein. Pit kam nach Hause und klagte, die Ärzte und Apotheker seien bornierte Idioten. Denen konnte man es einfach nicht recht machen.
Hilde fühlte mit ihrem Mann. Sie sah es ihm auch nach, dass er nun immer öfter angeschlagen heim kam. Sie fragte ihn nicht, ob er getrunken hatte – war ja auch nicht nötig, er dünstete wie eine Pinte.
