DAS WÄR’S DANN
scheisszeitenwende 147
Hans Krohn klappt das Notizbuch zu. Er lehnt sich zurück, der Rücken zwackt. Es ist still im Hotel. Krohn geht ans Fenster und sieht auf die nachtschlafene Straße.
Krohn zieht sich was an und wandert durchs nach altem Bier und neuen Schrippen duftende Viertel. Kommt zurück, liest das Geschriebene und lächelt sacht.
Da ist es. Schwarz auf Weiß. Der Beweis, dass Krohn wieder da ist.
Jede Seite ein Signal: Es ist noch.
Und hier, in der Stadt, hält ihn nichts mehr. Er packt seinen Rucksack, nimmt die U-Bahn. Schließt die Tür zu Janines Wohnung auf. Auf dem Küchentisch liegt ein Zettel.
Bin unterwegs.
Hans Krohn fühlt sich besser. Er setzt sich ins Wohnzimmer, schaltet den Fernseher ein.
Fremde Welt.
Er hat schon lang nicht mehr ferngesehen.
Die Werbung versteht er oft nicht.
Eine alte Dame sitzt in einer späten Tram, blickt auf ihr Handy und wird auf einmal verrückt vor Freude. Es regnet Konfetti. Sie hat etwas gewonnen, sagt einer. Im hinteren Teil der Tram sitzt eine junge Frau und ist erstaunt. Ende des Spots.
Ein versoffener, oft im Gesicht operierter alter Mann macht auf jung und erklärt, er spiele kein Handy-Spiel mehr, bei dem es nichts zu gewinnen gäbe. Immer wieder sagt er “echtes Geld gewinnen“ und sieht aus wie ein Schmierenkomödiant, der den „Geizigen“ gibt. Spot aus.
Einer hat ein Handy. Ein Mädchen auch. Sie schicken einander Porträt-Fotos – die Köpfe sind gegen Köpfe aus der Kunstgeschichte getauscht. Die jungen Menschen sind ganz glücklich. Ende des Spots.
Amazon-Ware fliegt in Vorgärten. Kredite kosten nichts. Autos gibt es zum Nulltarif. Braunbären wollen Erdbeer-Fruchtgummis. Fußballfans brauchen Schmerzgel zum Jubeln. FKK-Urlauber brauchen auch Schmerzgel. Frauen rasieren sich die Scham oder bekommen eine heftige Menstruation oder werden beim Yoga undicht. Männer trinken alkoholfreies Bier und sind doch ganze Kerle. Spot an, Spot aus, Spot an, Spot aus.
Hans Krohn hat immer gedacht, er kann Werbung. Er weiß, was man zum Verführen braucht.
Jetzt versteht er gar nichts mehr und schaltet aus.
Er geht durch Janines Wohnung. Viele Fotos an den Wänden, alle von ihr. Früher hatte sie überall Bücher, jetzt sind die Regale abgebaut. Im Wohnzimmer ein Altar mit eigenen Fotobänden. Sonst nichts Gedrucktes.
Sie hat immer mit Schwarzweiß gearbeitet, sie mag Farben nicht. Ihre Wohnung ist akkurat, sauber, stilvoll.
Schwarz und weiß.
Wahrscheinlich ist es auch in ihren Kleiderschränken schwarz und weiß.
Krohn kommt sich in seinem blauen T-Shirt und mit seinen sehr gelben Laufschuhen vor wie ein Exot.
Hierher gehört er nicht.
Er isst eine Banane, wirft die Schale in den leeren Mülleimer, packt seine Sachen. Geht noch einmal durch die Räume. Alles sauber.
Er zieht die Tür hinter sich zu.
Krohn war nicht da.
Nur weg aus der Vergangenheit. Weg von den Frauen, weg aus der Stadt.
Er nimmt ein Taxi.
„Wo soll’s hingehen?“
„Hauptbahnhof.“
„Alles klar.“
Es beginnt zu dämmern. Hoffentlich erwischt er bald einen Zug.
„Wo geht’s denn hin? Geschäftsreise?“
„Sowas in der Art. Nach Bayern.“
„Bayern! Is doch klasse.“
