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scheisszeitenwende 148
Die nächste Verbindung nach München: in einer knappen Stunde.
Hinweis auf der Anzeigetafel: Der Zug verspätet sich um 35 Minuten.
Geht ja.
Hans Krohn durchquert den Hauptbahnhof – sich wundernd, dass es hier noch immer keine Gastronomie von Belang gibt – und findet im „Einstein“ am Eingang Europaplatz einen ungestörten unbequemen Stehtisch.
Wenigstens der Kaffee ist gut.
Krohn packt die verbliebenen Postkarten auf den Tisch. Er besieht die Motive.
Paul Klees „Engel der Geschichte“ – das Bild, das Walter Benjamin kaufte und bis zu seinem Tod im Gepäck hatte.
Der Fernsehturm. Die Spitze ragt in eine federleichte Wolkendecke, die Stadt unten versuppt im Dunst, auf halber Turmhöhe gleißendes Abendgold.
Das Eastside-Gallery-Graffito des Bruderkusses von Breschnew und Honecker. Mein Gott. Hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben. Го́споди! Помоги́ мне вы́жить среди́ э́той сме́ртной любви́.
Der Berliner Dom. Im Hintergrund der Fernsehturm. Schnee. Nacht. Straßenlampen. Könnte Heiligabend sein.
Die Kuppel des Fernsehturms, gold-schimmernd und sehr rund. Weltall-blauer-Himmel.
Grüße aus der Hauptstadt. Bunt. Weltzeit-Uhr. Reichstag. Brandenburger Tor. Bahnhof. Rotes Rathaus.
Flughafen Tempelhof mit einem „Rosinenbomber“ auf dem Rollfeld. Kein Mensch zu sehen. Farben wie aus einem Hitchcock-Film.
„Skyline“ des Potsdamer Platzes, vom Zoologischen Garten aus bei Nacht in leichter Unschärfe aufgenommen. Dunkelblauer Nachthimmel. Verwaiste Bushaltestelle im Vorder- und das Hyatt im Mittelgrund. Kein Stern, außer der von Mercedes.
Diese Karten wird er nun an sich in Bayern adressieren, beschreiben und in den Briefkasten stecken. Dann wird ein bayerischer Postbote sie ihm aushändigen, und er kann seine Post lesen.
Vielleicht begreift Hand Krohn dann was.
Alsdenn, ans Werk!
