DIE KOTZBROCKEN
tv-deutschland, irgendein wohnzimmer, 27. Januar 2015
Mittags schreien sich „Darsteller“ vor einem virtuellen Gericht dermaßen an, dass man danach Beleidigungsklagen im Dutzend durchpauken könnte. Um drei Uhr beginnen Männer in blauen Steppanoraks, im Krimskrams fremder Menschen zu wühlen. Nach zwei Stunden sind die „Trödler“ fertig – und werden von der Millionärsfamilie Geiss abgelöst, die sich zum Ziel gemacht hat, alle guten Manieren mit Ihrem Geld zuzuscheißen. Und abends hat dann noch der Walter Freiwald im „Dschungelcamp“ seinen nächsten schamlosen Auftritt. Perfekt: so wird der Fernseh-Müll den Zuschauern in die Stuben gekippt.
Sara Kulka ist eine blonde junge Frau, die es aus dem sächsischen Taucha bis in den Playboy geschafft hat. Auch im „Dschungelcamp“ hatte sie meistens nicht viel an – aber das half nicht. Sie schied im Wettbewerb um den hartnäckigsten Sitzenbleiber frühzeitig aus.

Danach machte sie auf Philosophin. „Hätten wir was studiert, dann säßen wir jetzt hinter der Kamera und würden Schokoriegel und Cola essen. Wäre ich ein Held, wäre ich nicht im Dschungel gelandet.” Sie herzte ihre Konkurrentinnen und Konkurrenten, ließ sich in die Zivilisation chauffieren und legte noch eins drauf. Da gebe es doch keinen Zweifel, sagte sie – „ich bin nun mal Trash-TV.”
Wo sie Recht hat, hat sie Recht.
Frau Kulka ist eine aus der großen Statisten-Schar, die das Fernsehen der Häme und niederen Triebe erst möglich macht. Was die Macher brauchen, sind Dreck, schlichter Sex und Unglück. Die heile Welt sollen ruhig Rosamunde Pilcher und der „Traumschiff“-Rademann bedienen. Im „Dschungelcamp“, vor Richter Alexander Hold oder bei den „Geissens“ ist guter Umgangston verpönt. Harmonie killt die Quote.
Millionär Geiss geht mit seinem Hund zuvorkommender um als mit dem Gesinde auf der Yacht – und wenn Frau Geiss nicht spurt, lässt er sie schnell mal spüren, dass sie ‘ne Tussi ist (also, im Grunde genommen, nix zu sagen hat).

Vor den Fernseh-Gerichten rasten die Beklagten und die Zeugen regelmäßig aus und verlegen den Sitzungssaal schlichterhand in die Gosse. Hilflos sitzen Herr Hold und Frau Salesch (das sind gelernte Richter) der Pöbel-Orgie vor.
Herr Freiwald ist ein Born der Bosheit. Der Mann hat sich vorgenommen, zum Ekel der Nation zu werden – also arbeitet er dran. Sagt Dinge wie:
“Die geht mir auf die Eier – aber voll. So viel Doofheit auf einem Haufen. Die glaubt, die ist die Größte, und hat nichts im Kopf.“
Oder:
“Wenn die mich anpinkeln, dann pinkel ich zurück. Und fertig, aus. Das ist doch das Spiel – sich anzupissen.”
Ja, Walter Freiwald hat die Regeln des Spiels begriffen. Er versucht erst gar nicht, als netter Mensch zu punkten. Er ist, wie er ist: jähzornig, unberechenbar, verbittert, bösartig.
Er ist ein Kotzbrocken. Ungeschönt.
Viel abgefeimter treiben es da drei weitere Stars des Trash-TV. Sie gehören zum so genannten „Trödel-Trupp“ und haben sich klammheimlich zu Stars der Szene hoch geschuftet.
Das Prinzip ist simpel: Ein Trödel-Experte rückt mit Team bei einer vom Schicksal gebeutelten Familie an. Dort findet er Krankheit, Sterben, Erben, Hartz IV, Hoffnungslosigkeit vor – und einen Haufen Sachen, mit denen die Menschen nicht mehr klar kommen.
Der Experte inspiziert Scheunen und Garagen und Keller. Er entdeckt Müll, der in Containern entsorgt wird, Trödel, der auf Flohmärkten verramscht wird – und manchmal stößt er auf Schätze, deren Verkauf wieder eine Ordnung in das Leben der Unglücks-Menschen bringen soll.
„Unter den Bergen von Trödel liegt das Schicksal der Menschen“, sagt Mauro Corradino, einer aus dem Trupp. Er hat in Köln einen Antiquitätenladen und kennt sich mit alten Dingen aus. Er weiß aus seiner Erfahrung, dass es schwer ist, Dinge wegzugeben, die einen ein Leben lang begleitet haben. „Oft verlangen die Leute dann auch viel zu viel dafür.“
Kollege Otto Schulte grinst wie ein Lausejunge und erklärt, mithilfe von RTL könne er sich jetzt einen Traum erfüllen: „Schon als Teenager habe ich mein Taschengeld aufgebessert, indem ich alles, was der elterliche Keller hergab, auf Trödelmärkten verkaufte. Später, in meiner Zeit als Altenpfleger, fand ich es besonders spannend, was mit den Haushalten passiert, wenn die Menschen ins Heim mussten oder gestorben sind. Ich war fasziniert von den Lebensgeschichten, die in diesen Häusern nachzuvollziehen waren und den Entdeckungen, die man dort machen konnte. So bin ich nach und nach in die Branche reingerutscht.“
Und Sükrü Pehlivan, Vater von zwei Kindern und erster Ebay-Agent in Deutschland, erklärt: „Wir sind keine Schauspieler, wir sind Menschen, die bei der Arbeit gefilmt werden.“
Die Zuschauer mögen die drei Kerle, die etwas Verschlagenes und etwas Verschmitztes haben. Ihnen wird nachgesehen, dass ein Teil ihres Jobs das Hütchen-Spielen ist. Der „Trödel-Trupp“ juckelt von einem Notfall zum nächsten und schreibt eine wunderbare Erfolgsgeschichte nach der anderen.
Die Trödler lächeln viel und verstehen sich aufs Handeln. Sie werden von der Lokalpresse hofiert und erscheinen den Trödel-Familien wie Gottgesandte. Die besuchten Frauen und Männer weinen oft und sind sehr hilflos. Zum Schluss jeder Folge gibt es ein Schmerzensgeld, und ein Trödler konstatiert: „Na, da haben wir ja ganz schön helfen können. Jetzt ist alles bereit für einen Neuanfang.“
Echt?
Nix ist in Ordnung. Das Fernsehen war eine knappe Woche da und hat das vertrödelte Leben von Menschen ausgeschlachtet, die sowieso schon am Boden waren.
Nun ist der letzte Flohmarkt zu Ende, der lächelnde Trödler umarmt seine Opfer und geht breitbeinig weg.
Zurück bleiben Überforderte. Naja, die können ja ein bisschen fernsehen. Denn es geht immer noch ein bisschen schlimmer.
Frag‘ nach bei Freiwald!
Morgen: „Ähh – aggressiv, der Schnee!“ Von der Sprachlosigkeit im TV
