WUT UND WEIHNACHT
sommer zwanzichfuffzehn IX
Das war ein Muster, das Hans Krohn kannte: Zuerst trinken sie und erzählen und sind nett. Sie trinken weiter und werden netter. Hören nicht mehr auf mit dem Erzählen.
Dann stürzen sie weg.
Die gesamte Lebenswut bricht aus ihnen heraus. Alle Verletzungen bluten wieder. Sie werden böse. Höchste Zeit, vor ihnen Reißaus zu nehmen.
Ja, das kannte Krohn. Er hatte mal mit so einer Frau gelebt.
Egal.
Fest stand, dass dieser Eugen Matuschke so ein böser Säufer war.
Er stürzte gerade weg.
“Hör zu, mein Freund!
War doch nicht meine Schuld, dass sich der Vater das Bein weg gesäbelt hat. Ich war so klein, verstehste. Heute weiß ich, was da falsch gelaufen ist.
Hätte mich wehren müssen.
Hätte ihm vor den Koffer scheißen müssen.
Hätte die Biege machen müssen.
Aber wie sollte das gehen? Er hat mich nicht mal oft geschlagen, das war gar nicht nötig.
Mach dies! Mach das!
Lass dies! Lass das!
Sowas hat er ganz ruhig gesagt. Ich hatte keine Chance.
Glückliche Kindheit – wenn ich das schon höre! Glückliche Kindheit: Sowas kenne ich nicht. Ich habe versucht, die Tage rum zu bringen, ohne dass es ein Unglück für mich gegeben hat. Froh war ich, wenn ich mich im Stall in meine ,Werkstatt’ verdrücken konnte. Die Schule habe ich gemocht, wenn es Mathe oder Physik gab. Der Rest: Absitzen, die Zeit. Als ich älter wurde, ist es besser gewesen. Dann hat mich der Vater fürs Reparieren gebraucht, da hat er eine Art Respekt gehabt, weil ich es konnte. Er hat mich sogar anpacken lassen, als wir den ersten Fernsehen bekommen haben. Schwer wie Blei war der.
Der Fernseher war gut.
Und Weihnachten.
Weihnachten war immer gut. Der Vater hat einen Christbaum gechlagen. Die Verwandten aus demWesten haben Lametta geschickt, das hat die Mutter aufgebügelt. Ich habe Gips auf die Äste gegeben, dann sah das aus wie Schnee.
Gut zu essen hat es gegeben. Manchmal war Besuch vom Westen da. Ansonsten haben die Pakete geschickt, wir hatten zu Weihnachten zehn, zwölf Pakete unterm Baum. Die rochen nach gutem Kaffee und so.
Und es war toll: An Weihnachten hat der Vater gesoffen und war nie böse. Das war sehr schön.”
18. juli 2015
