“WO WAS LOS IST”
zempow, 21. februar 2015
Zempow liegt am Arsch der Welt. Auf der einen Seite ist Brandenburg, auf der anderen Mecklenburg. Eine Hundertschaft Menschen leben hier. Pferde, Kühe, Bio-Gemüse. Heide und Seenplatte. Achja, ein Kino auf der Wiese. Das betreiben die Neumanns. Und die kämpfen um ihren Betrieb – auch wenn sie scheinbar keine Chance haben.
Als ob sie nicht schon genug Probleme hätte!
Nach langem Überlegen und unter großen Zweifeln haben die Neumanns ins Netz kommuniziert, dass sie ihr Autokino in Zempow auch in der nächsten Saison betreiben würden – im März geht es los.
Dann haben sie sich den Kopf zerbrochen, wie sie denn mit diesen vermaledeiten Trittbrettfahrern vom “Kulturverein” umgehen sollten. Die haben nämlich zu Spenden aufgerufen. Sie appellieren an die Freunde des Autokinos:
Fördermitglied werden – den Autokino Kulturverein unterstützen: als Zweitakter, Dienstwagen oder Luxusklasse.
Klubmitglied Zweitakter: ein bis vier Euro/Monat.
Klubmitglied Dienstwagen: zehn bis 24 Euro/Monat.
Klubmitglied Luxusklasse: 25 Euro/Monat).
Die Neumanns waren baff. Jetzt haben sie schon all diese Probleme, mit denen sie sich seit Jahren herum schlagen. Und da treten Abzocker auf den Plan, die sie auch noch um den letzten Förder-Euro bringen wollen.

Familienrat. Diskussionen. Am Schluss ein Eintrag auf der Homepage:
Der Verein “Autokino Kulturverein Zempow e.V.” steht in keinem Zusammenhang mit dem “Autokino Zempow”. Spenden an den Verein kommen nicht uns zugute – Sie fördern hier nur Projekte dieses Vereins.
Das geht doch nicht! Oder?
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Vater Claus überlässt sich seinen Gedanken. Er ist nicht der Typ, der jammert. “Bringt ja nischt. Wie es kommt, kommt es.”
Claus Neumann hat immer hier gelebt. So richtig gut hat es nicht angefangen. 1943 kam Claus zur Welt, der Vater überlebte den Krieg nicht, die Mutter starb, als Claus sieben war. Er kam zur Oma, später nahm ihn die Tante auf. Früh schon hat er einem fahrenden Filmvorführer geholfen, Rollen geschleppt und so ‘ne Sachen.
Mit 16 war er soweit – er durfte selber die Filme einlegen. Er hat schnell den Führerschein gemacht und ist im Job hängen geblieben. Neumann fuhr im Auftrag der Zentrale in Wittstock über Land und machte Kino. Er baute seine zwei Apparate in Gaststätten und Gemeindezentren, in Vereinsheimen und in Zelten auf. Staudte und Verhoeven, die liefen klasse, die Seghers-Schinken waren Rohrkrepierer. Und so.

Bei einer Vorführung lernte er seine spätere Frau kennen. Er brachte dem Sohn den Umgang mit den laufenden Bildern auf Zelluloid bei. Als der Sohn nach der Schule das Metier von der Pike auf lernen wollte, hat Claus gemeint, das sei eine gute Entscheidung. “Film gucken, das wollen die Leute immer.”
Der Sohn paukte sich im sächsischen Langenau zum “Filmwiedergabetechniker” durch. Kam zurück nach Zechlin und tourte mit dem Vater über Land. Ab und zu ging man auf ein Bier ins benachbarte Zempow und guckte sich an, wie das Geschäft im Autokino so lief.
“Das war eine Goldgrube. Vor allem die Urlauber von den Seen in der Nähe waren ganz scharf auf Filme-Gucken in Zempow. Und die Einheimischen sind bis aus Neuruppin gekommen, wenn was Besonderes auf dem Programm stand.
Ja, Zempow, war was Besonderes. Zur Eröffnung sind die Herren Politiker bis aus Potsdam gekommen, und in den Zeitungen standen große Storys über das Kino auf der Wiese. Das war, warte mal, das muss ’77 gewesen sein.”
1977: Reiner Kunze siedelt in die Bundesrepublik Deutschland über. Weitere Schriftsteller und Künstler folgen Rudolf Bahro wird nach der Veröffentlichung eines Auszugs aus seinem Buch “Die Alternative” im “Spiegel” verhaftet. Auf dem Alexanderplatz in Ost-Berlin und in Weimar kommt es zu Jugendkrawallen. Dabei sterben drei Menschen.
1977: In den westdeutschen Kinos mausert sich die “Rocky Horror Picture Show” hinter “Bernhard und Bianca”, “James Bond – der Spion, der mich liebte”, “Zwei außer Rand und Band”, “Steiner” und “Zwei irre Typen” zu einem der erfolgreichsten Filme des Jahres.
Sicher, sie würden die Show und den Rest auch gerne vorführen in Zempow – aber so weit sind sie noch nicht. Also zeigen sie die Neuheiten, die sie bekommen können, in diesem kühlen Sommer 1977: “Die Insel der Silberreiher” von Jires, Jaromil. “DEFA Disko” von Werner Wallroth. “Ein Katzensprung” von Claus Dobberke. “Ottokar, der Weltverbesserer” von Hans Kratzer. “Tambari” von Ulrich Weiß “Unterwegs nach Atlantis” von Siegfried Kühn. “Ein irrer Duft von frischem Heu” von Roland Oehme. “Ein Schneemann für Afrika” von Rolf Losansky.

Dazu werden natürlich die Evergreens ins Programm genommen: “Die Legende von Paul und Paula”, “Apachen“ oder “Die Söhne der großen Bärin”. Kassenfüller. Die guckt man sich gerne an – auch wenn man die Dialoge schon auswendig drauf hat
Es regnet viel in diesem Sommer, im August ist im Norden gar “Land unter”. Katastrophenalarm an der Oder, und rund um Zempow ersäuft der Mais.
Aber das neue Kino ist jeden Abend bumsvoll. Gegen fünf Uhr nachmittags kommen die Ersten, die noch freie Fahrt durchs Dorf haben. Dann werden es immer mehr. Sie tuckern aus Rheinsberg und aus Wittstock auf die Kreuzung in der Dorfmitte zu. Dort staut sich das Ganze, und schließlich stehen sie bis zum Ortsschild. Schieben sich im Schritttempo durch die Hauptstraße, biegen auf den kleinen Sandweg, der in diesem Sommer meist eine Matschpiste ist. An der Kasse lösen sie die Tickets und ordnen sich ins Parksystem ein.
Dicht an dicht stehen sie dann. Trabbi neben Wartburg, mancherorts ein Lada, selten gar ein Golf.
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Zempow ist die neue Attraktion der Region. Ein Kino, mitten im Nirgendwo, da, wo Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg aneinander stoßen. Kino auf der Wiese. Bratwurst und Brötchen, dreierlei Bier, Liebe und Hiebe auf der riesigen Leinwand. Vielleicht ein bisschen Knutschen. Das lassen sich die jungen Leute aus Rheinsberg und Gransee, die Touristen aus einer der ungezählten Feriensiedlungen in der Umgebung nicht nehmen. Da nehmen sie langmütig eine Schleichfahrt auf löchrigen Straßen und das Warten an der Kinokasse in Kauf.
Hat man erst einmal den Platz auf der Wiese vor der Leinwand ergattert, fühlte man sich wie in einem guten Film.
“Kino war ein gutes Geschäft – da haben die Herren von der Kontrolle auch schon mal ein Auge zugedrückt, wenn wir das Programm mit dem Bleistift ein bisschen frisiert haben.”
Eigentlich mussten die Vorführer eine Ost-West-Quote berücksichtigen. Offiziell sahen höchstens 40 Prozent der Besucher Filme vom Klassenfeind – “das war natürlich Quatsch. Mit dem DEFA-Zeug haste doch die Leute nicht nach Zempow gekriegt. Also haben wir nach ‘ner mauen Ost-Vorstellung schon mal eine Null an die Zuschauerzahl gehängt, dann hat die Quote wieder gestimmt.”
Da haben nicht mal die Typen von der Stasi gemeckert, die in Zempow einen Stammplatz hatten. Mussten schließlich horchen und gucken, ob sich da nicht ein Westler und ein Einheimischer widergesetzlich im Kino auf der Wiese trafen.
Aber, alles in allem, haben sie es friedlich gehabt vor der Wende. Nach dem Zusammenbruch der DDR hielt die Gemeinde den Betrieb noch aufrecht. Bis jemand die Neumanns fragte, ob sie denn nicht übernehmen möchten.
Klar wollten sie. Mike und Claus richteten es sich im Autokino ein und hatten zehn prima Jahre. Es war, als stünde die Zeit still. Die Urlauber und das Stammpublikum waren da, immer wieder staute sich der Verkehr bis zum Ortsschild. Dann sah man bei trockenem Wetter schon von Weitem vom Treck eine große Staubfahne.
Die Familie Neumann mit ihrem Kintopp war ein Teil im 120-Einwohner-Ort Zempow. Die Neumanns brachten das Lachen, sie brachten Hollywood. Es wurde Abend im Land – und drüben, auf der Wiese ging der Ton an. Eddie Murphy oder Walter Matthau – die Menschen in ihren Autos lachten sich fleckig, und im Dorf wurden sie gehört.
Nach dem Abspann ließen die Leute die Motoren an – “und dann haste gesehen, dass etwas anders war. Früher hat man nach dem Ende eine große blaue Wolke gesehen, das waren die Zweitakter, die gestartet wurden. Nach der Wende gab es irgendwann keinen blauen Rauch mehr, nur noch Golfs und Opels und so.”
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Die Neumanns haben Ende der neunziger noch nicht geahnt, dass es für ihr Kino schwer werden würde mit dem Happy End. “Als wir merkten, dass es nicht mehr rund läuft, ist es gleich richtig knüppeldick gekommen”, sagt Mike.
Er ist ein robuster Mann. Braun gebrannt. Kennt sich mit jedem Projektor aus, kann alles reparieren, hält die Anlage tipptopp in Schuss. Aber gegen das, womit sich die Neumanns seit Jahren herum schlagen, da hat er auch kein Rezept gefunden.
Zuerst ist die Sommerzeit eingeführt worden, da kamen dann spürbar weniger Besucher.
Dann blieben die aus, die sich lieber im Internet herum treiben als auf den Weg nach Zempow machen.

Und dann stellten die Verleiher die Produktion von Zelluloid-Filmen ein. Nun können die Neumanns die neuesten Filme nicht mehr zeigen – dazu müssten sie die Technik umstellen. Heute werden keine Rollen mehr eingelegt, sondern der Film kommt vom Stick.
Ein Umrüsten kostet ungefähr 40000 Euro. “Das haben wir nicht.” Mike Neumann blickt über die braune Wiese. “Noch kommen wir gerade so über die Runden. Was dann wird?” Er zuckt mit den Schultern und versucht ein Lächeln.
„Sieh mal“, sagt er. “Hör hin, riech es. Kino riecht toll. Nach Zelluloid. Das ist mein Leben, dieser Geruch.”
Früher gab es Bratwurst im Brötchen, heute zaubert Frau Neumann die besten Pommes von hier bis Berlin. Das hatte man früher nicht, aber vom heimischen Bier gab es schon damals drei unterschiedliche Sorten.
Alles wie damals, irgendwie, hier in Zempow, exaktemang an der Grenze zwischen Vorpommern und Brandenburg. Die Menschen fahren vor, lösen die Tickets, und wechseln die Welt.
Wenn es dämmert, so gegen halb zehn, gehen an der Frittenbude die Lichter aus und vorn auf der fassadengroßen Leinwand wird es hell. In den Autos rutschen die Menschen zusammen und vergessen für zwei Stunden die Welt um sich. Im Vorführraum wechselt Mike die Rollen, ohne dass es die Zuschauer merken.
Liebes-Schmonzetten, die man ja spielen muss, mag er nicht so doll. Dafür aber die Thriller und die Filme, “wo was los ist”.
Mike Neumann blickt übers Dörr-Gras des wohl schönsten Autokinos der Republik und sagt: “Klar, wir haben auch ,Rocky‘ gespielt.”
Hat er “Rocky” gemocht?
Na, sicher. Der Typ ist nach Niederschlägen immer wieder aufgestanden.
Mike Neumann, der Filme-Mann, lächelt.
