UNSTERBLICHER PARK
münchen, 4. märz 2015
Grauer Himmel. Matschige Wege. Drei einsame Trinker an einem Kiosk. Die Jogger haben’s eilig, wieder nach Hause ins Trockene zu kommen. Hunde klemmen den Schwanz ein. So sieht’s aus im Englischen Garten am 4. März 2015. Nicht schön? Doch. Selbst an solchen Tagen ist der Park eine der schönsten Münchner Inventionen der letzten Jahrhunderte.
“Keine Nation hat die Erfindungen, die für den gemeinen Mann nützlich sind, zu solcher Vollkommenheit gebracht als die Chinesen. Welch unsterblichen Ruhm könnte sich nicht eine europäische Nation in Nachahmung dieses weisen Beispiels machen.”

So hat es vor 200 Jahren der weitsichtige Graf Rumford niedergeschrieben. Da hatte er schon eine Suppe auf Graupenbasis fürs gemeine Volk, einen sensationellen Großküchen-Herd, neue Uniformen für die bairischen Füsiliere und den Englischen Garten erfunden. Die Suppe wird ab und zu heut’ noch kredenzt, die Uniformen sieht man beim Wiesn-Umzug, die Herde gelten als unkaputtbar – und der Englische Garten ist ein Juwel der bayerischen Landeshauptstadt.
Den Grafen Rumford schließlich finden die Münchner immer noch so gut, dass sie ihm im Stadtmuseum eine Ausstellung eingerichtet haben.
Da bewundern dann die Besucher – es sind erstaunlich viele stolze Bürger der Stadt – auch ein Modell des Chinesischen Turms. Sie besehen ihn von vorn und von hinten von oben und von unten. Und kommen zu dem Schluss.
“Schee is er gwen – und schee is er oiwei no.” (Auf Hochdeutsch: Hier wird die ewige Schönheit des Turms gelobt).

Rumford hat eine Zuflucht geschaffen. Seit zwei Jahrhunderten treibt es die Münchner und die München-Besucher aus den Straßen auf die Parkwiesen. Dort entschleunigen sie, und es gibt seit Generationen die gleichen Dialoge. Die können sich anhören wie beim Dramatiker Martin Sperr:
“Ruhig ist’s.”
“Man könnt sagen, dass es richtig still ist.”
“Ja.”
“Dass es das gibt, dass es so still ist. Es ist direkt schön, wenn es so still ist.”
“Ja, man mögt’s nicht für möglich halten.”
“Ja.”
“Weil niemand da ist. Wenn jemand da wär’, wär’s nicht still.”

Wenn jemand da ist (weil die Sonne scheint, der Föhn regiert, der Biergarten lockt), dann hört man in die Gespräche der Lustwandler hinein, die schon mal klingen wie bei Ödön von Horvath:
“Was willst Du noch?”
“Ich hab dich um Verzeihung bitten wollen von wegen meinem Misstrauen und dass ich vorher so grob zu dir war. Wirst du mir das verzeihen?”
“Ja.”
“Ich danke dir, es geht mir schon wieder anders.”
“Du verkennst deine Lage.”
“Was für eine Lage?”
“Es hat keinen Sinn mehr. Es hat keinen Sinn.”

Im Englischen Garten findet das Volk zueinander und es findet auseinander. Selbst am 4. März 2015. Eine junge Frau schiebt mit einer Hand den Kinderwagen, mit der anderen hält sie ein I-Phone ans Ohr. Sie blickt über die durchweichten Wiesen, an den ersten Schneeglöckchen vorbei, auf Baum-Skelette und in einen grau-quellenden Himmel.
“Schatz”, sagt sie, “du musst nicht schreien. Das nützt jetzt auch nichts mehr.”
Es bellt aus dem Phone.
“Schon gut, das führt zu nichts mehr. Du hast dein Leben und ich meines. Das ist auch gut so. Und mehr habe ich nicht zu sagen.”
Die Frau nimmt das Fernsprechgerät vom Ohr, drückt einen Knopf, steckt den kleinen Apparat in den gesteppten Mantel. Sie beschleunigt den Schritt und summt ein Kinderlied. Dann bricht sie kurz ab.
Und sagt halblaut – sie ist ja ziemlich allein im Park – in den Wagen:
“Des hat’s jetzt gebraucht. Wirst schon sehen: Alles wird gut.”
Dann strebt sie dem Parkausgang zu. Irgendwie denkt man, der Graf Rumford hätte seine britische Gaudi an der Szene gehabt.

