KÜHLE NEUE WELT
ICE münchen-göttingen, 5. märz 2015
Der Zug saust mit über 200 Sachen durchs Land. Verschwindet in Tunnels, huscht wieder ins Freie. Rechts zeigen sich die Hänge der Rhön, dort hat es morgens geschneit. Im Speisewagen sitzt ein alter Mann vor seinem Pott Kaffee, hat traurige Augen und sagt: “Ja, das waren noch Zeiten!”
Man hat sich zufällig getroffen. Wieder im Speisewagen. Wie vor – ja, wie lang ist das jetzt her? 30 Jahre? 25? Irgendwas um den Dreh.
Es sei vor der Wende gewesen, sagt er. “Ganz sicher. Wissen Sie es noch? Damals haben wir noch in Bebra gehalten, und da gab es die Stelle, an der wir über den kleinen Fluss und die Zonengrenze in die DDR geschaut haben.”
Ja, Bebra. Das war ein wichtiger Bahnhof, damals. Lange Wartezeiten. Der Übergang vom Westen zu den Kommunisten. Letzter Halt vorm Eisernen Vorhang.
Der alte Mann war damals, vor 30 Jahren, einer der berühmtesten Forensiker der Bundesrepublik. Kam gerade aus Frankfurt, wo er vor Gericht als Gutachter aufgetreten war. Ist immer mit Fliege und Weste in den Zeugenstand gestiegen.
Er hatte in Frankfurt in einem vertrackten Mordprozess den Angeklagten entlastet. Alle, auch die junge Reporterin vom “Spiegel”, waren danach überzeugt gewesen, dass das Verfahren mit einem Freispruch enden würde. Doch der Richter ist uneinsichtig gewesen. Lebenslang.
“Das Urteil bedrückt mich heute noch. Ich glaube, der Angeklagte ist schon gestorben. Ich war damals von seiner Unschuld überzeugt, aber geholfen hat es nichts.”
Der alte Mann war gerade in München, jetzt fährt er zurück, heim nach Göttingen. Vor vier Jahren ist die Frau gestorben, jetzt lebt er allein in dem Haus. Und freut sich, wenn er die Tochter und die Enkel in Bayern besuchen darf.
Es ist schön gewesen in München.
Nun sitzt er in einem Zug, der so wahnwitzig schnell dahin saust, rührt im Kaffee und hat das Land von früher im Kopf.

Damals hieß der ICE noch Intercity. Man trank Helles aus Villingen-Schwenningen. Bayerisches Weißbier war ein Exotikum, und Alkoholfreies mochte man sich nicht einmal ausdenken. Der Erbseneintopf kostete gerade mal acht Mark, heute zahlt man den Preis in Euro. Heute werden die Kunden geduzt (“Hier bist du der Bahn-Chef. Scannen und mitreden! Dein Zug ist der Chat-Raum.”). Der Zug ist – wenn’s drauf ankommt – noch immer nicht pünktlich. Und irgendwie ist die Sache mit der Freundlichkeit des Bahnpersonals immer noch ein Lotteriespiel wie in alten Zeiten (heute bedient eine propere junge Frau aus der Ukraine. Die hat eine hinreißend gute Laune und ein wunderschönes Lachen, das mit vielem versöhnt).
“Ich vermisse etwas”, sagt der alte Mann. Früher habe er im Zug Menschen kennen gelernt, es war wie ein fahrender Kontakthof. “Erinnern Sie sich, wie wir damals ohne Punkt und Komma geredet haben? In Frankfurt wussten wir nichts voneinander, in Göttingen waren wir gute Bekannte.”
Und heute?
“Vielleicht ist es, weil ich alt bin.”
Heute bleibt er meistens allein auf seinen Reisen, die keine Dienstfahrten mehr sind. “Vielleicht”, wiederholt er, “ist es, weil ich alt bin. Ich komme nicht mehr mit den Menschen ins Gespräch. Sie sprechen mit ihren Telefonen und sie verstecken sich hinter ihren Kopfhörern. Sie sind da – und sie sind nicht da.”

Er sieht aus dem Fenster. Gleich kommt Göttingen. Dann wird er in den Bus steigen. Kopfhörer. Handys. Dazu Menschen, die da sind und auch nicht.
Er wird aussteigen und zu seinem Haus gehen. Aufschließen, in den kühlen Flur treten. Absperren. Den Koffer weg stellen. Einen Tee aufsetzen.
Dann wird er angekommen sein. Allein, in seinem stillen Leben.
