MENSCHENSTILLE
ENDZEIT 6 Mariabrunn bei Dachau, letzter Sonntag im März. Grau ist es geworden, vielleicht gibt es noch Schnee, heut’. Unfreundlicher Wind streicht durch die Kiefern und Buchen. Knospen im Wald, trotzdem.
Die Madonna in der Wallfahrtskapelle sieht mild auf ihr Kind. Auf dem Tischchen neben den Kerzen (ein Euro das Stück) liegt das Kondolenzbuch für eine junge hübsche Frau, die furchtbar früh gestorben ist. In der Kapelle riecht es nach Katholischem und schweißelt nach Bigotterie.
Draußen ist die Luft resch. Im Biergarten hat es eine Stimmung, als ob es “Zwölf Uhr mittags” wär’, sozusagen. Auf den alten grau gewordenen Biertischen rollen morsche Blätter und alte Zweige im Wind. Ein Dompfaff landet und spaziert dort, wo sonst die Masskrüge stehen. Weiter oberhalb stehen vier leere Stühle im Kreis und haben eine Konferenz.
Kein Trinker. Kein Würstlbrater. Kein Kind auf der Rutsche nebendran. Ruhe vor dem Sturm.
Nur die Vögel schreien durcheinander. Eine Bachstelze drüben bei der Imkerei, blechern dschiwid, dschid. Sie zilpen und zalpen. Trillern und krähen und piepsen. Flöten und girren und gurren. Zetern, meckern, zirpen, tsiwitsen. Sie erzählen einander was oder sind sich selbst genug.
Ein Geschwader Eichelhäher kommt aus Westen. Vier sind’s, einer gibt den Ton an. Das Rätschen klingt bedrohlich.
DCHÄÄ, DCHÄÄ
Sie fallen über den Biergarten her. Verteilen sich in den Wipfeln, sondieren das Terrain, sind wieder weg, mit Lärm.
DCHÄÄ, DCHÄÄ
Irgendwas führt das Pack im Schilde. Die sind nicht ganz geheuer. High Noon.
Endlich Menschen. Eine ältere aparte Frau, ein Mann mit Trinkernase. Steppanoraks, teure Wanderschuhe. Sie bleiben vor einer verwaschenen Inschrift stehen. Er setzt die Brille auf und liest die Huldigung auf den Wallfahrtsort Mariabrunn vor:
Du letzter Hort in schmerzerfüllter Zeit! / Vor Fieber starr die Brust, das Auge trüb in Tränen / sah ich stets den Tod, das Grab stets vor mir gähnen. / Und keine Hilfe fand mein schmerzgeprüftes Herz.
“Hm”, sagt sie. Hm.
“Lass uns weiter gehen.”
