LETZTE RUNDE
sommer zwanzichfuffzehn XXXII
Hans: “Noch ‘ne Kurz-Geschichte?”
Sabrina: “Ja?”
“Alsdenn!”
Der Boxer wusste, dass ihn das Sitzen beflügelte. Deswegen nahm er auf seiner Bank Platz – und schon ging es dahin
Er saß da und glotzte. Aber er nahm nichts so recht wahr. Meist saß er und sah nichts.
Ein verwitterter Mann in verschossenen Jeans und einem speckigen Holzfällerhemd. Eine Bank neben der Eisenbahnbrücke. Ab und zu unten auf den Gleisen ein Zug nach Irgendwo.
Der Boxer hatte Zeit. Niemand wartete, nichts zu tun.
Was sah er und was sah er nicht?:
Eine junge Frau stöckelte vorbei – sie hatte die Aura einer Befriedigten, einer Gerade-den-Orgasmus-Gehabten.
Ein Mann ging im Zorn, er befesselte den Schädel mit einer Ballonmütze.
Ein hopsendes Kind.
Ahorn, glutrot im Oktober.
Eine Rotte von Schülern auf dem Weg in die Stadt. So viele erwartungsvolle Gesichter. So große Unschuld. Das würde ihnen auch noch vergehen.
Auf der Straße lief der übliche Krieg. Dann und wann der Notarzt. Irgendwo wurde geboren und gestorben. Männer hatten Farbkleckse auf den Arbeitshosen, Frauen trieben es geschäftig mit geschlitzten Business-Röcken. Ein Hund hob das Bein, und das sah bedrohlich aus. Sowieso, alles vollgeschissen und bepisst und versifft. Überall Milben und Bakterien und Dreck und Krankheit und Tod.
Roter Ahorn, der sich fürs Überwintern vorbereitete. Bäume, so sagt man, seien neben den Einzellern und den Kakerlaken und Schildkröten die zähesten lebenden Organismen. Werfen ihre 50000 toten roten Blätter ab und überwintern ungerührt. Dann geht es weiter. Echte Fighter, das.
Der Mensch war doch nur eine Eintags-Angelegenheit, sozusagen.
Der Boxer auf der Bank hatte einmal – das war schon lang her – ein schönes Gesicht gehabt. Im Laufe der Gedanken war es mehr und mehr versteinert.
Der Boxer auf der Bank war großen Zielen hinterher gelaufen. Er erinnerte sich vage – aber er wusste nicht mehr, warum er sich diese Ziele ausgesucht hatte.
All diese Menschen in ihrer Hast. Und dann fuhren sie doch in die Grube.
Seine Gedanken verloren sich. Er nippte am mitgebrachten Kaffee und fühlte sich wie betrunken. Gedankenfetzen. Wort-Überbleibsel. In seinem Kopf huschte es. Es huschte und tobte und loderte und verheerte.
Er hatte es versucht. Er hatte viele Kämpfe gewonnen. Auf jeden Fight folgte ein nächster. Gutes Geld hatte er gemacht. Die Fans hatten seine Art geliebt. Er hatte sich nicht geschont. Durch Faust-Trommelfeuer war er marschiert und hatte sich zum Sieg geschlagen.
„Das Herz eines Boxers“: so eine Scheiss-Floskel.
Ein Boxer-Herz bringt vor allem Schmerzen.
Er war Meister gewesen. Das Geld war so schnell weg gewesen, wie er es verdient hatte.
Nicht schlimm – er hatte die Weiber und die wilden Nächte, die Momente des Siegens und das Wissen der Unbesiegbarkeit gehabt.
Irgendwann war ihm das Gewinnen nicht mehr so leicht gefallen. Und dann hatte er zu verlieren begonnen.
Schlimme Niederschläge, wieder und wieder.
Knast. Keine Kohle. Kein Aas in seiner Ringecke.
Er wurde angezählt, rappelte sich hoch und machte weiter.
Es wurde so mühselig, wieder auf die Beine zu kommen. Und es war so sinnlos.
Der Boxer auf der Bank sah nun fast gelassen aus. Er trank den letzten Schluck Kaffee, stand auf, trat zum Müllkorb. Warf den Pappbecher hinein und ging auf die Brücke. Der Boxer legte seine Hände mit den rotschrundigen Fingern auf das gusseiserne Geländer. Aus der Stadt näherte sich ein ICE in Richtung Süden.
Das Denken summte. Diese letzten Sekunden vor der ersten Runde. Dieses Raunen in der Halle. Er, mit nacktem Oberkörper. Seine verpackten Hände, die gleich ihr Werk tun würden. Der Schweißtropfen, der am Vaseline-gecremten Auge vorbei rann. Die Kraft in seinem Körper. Das perfekte Denken. Dieser Wille. Das Besiegen der Angst. Der Gong. Das Gefühl der Einzigartigkeit, wenn er aufstand und auf seinen Gegner zu ging. Gucken. Warten. Der erste Schlag…
Der Zug war pünktlich. Der Boxer sprang.
