AUF DEM SPRUNG
scheisszeitenwende 134
„Ich geh‘ ins Kaffee.“
„Wart, ich komme mit.“
„Äh, Janine, sei mir nicht bös. Ich möchte‘ da allein sein.“
„Aha?!“
„Ich will was schreiben. Ist so ‘ne Marotte.“
„Alles klar. Marotten: Das biste ja Spezialist.“
„Ist viel besser geworden, das kann ich Dir sagen. Die Sache mit dem Kafffee…“
„Ist schon in Ordnung, Du musst nichts erklären. Wann kommste wieder.“
In ‘ner Stunde oder so.“
„Gut. Heut‘ Abend Kino?“
„Ja, Kino ist fein. Bis dann.“
Sehr verschnupft ist sie nicht. Hätte schlimmer kommen können.
Er schreibt seine Adresse auf die Postkarte mit der über eine Pfütze im Zoologischen Garten hüpfenden jungen Frau. Schwarz-weiß. Hoffentlich hat sich die Frau bei dem Sprung nicht nass gemacht. Die hatte sicher noch was vor an diesem Sonntagnachmittag.
Krohn schreibt:
Vor dem Kaffeehaus Reichert in der Schlossstraße zerdeppert ein klappriger alter Russe zitternd viel Geschirr. Er besieht sich den Scherbenhaufen und brummt _ er hat noch eine erstaunlich starke tiefe Stimme:
Tschort wosmi! Verdammte Scheiße!
Seine Frau, zierlich und elegant, schämt sich.
Die Bedienung kommt mit Handbesen und Kehrschäufelchen. Sie legt die Sachen zur Seite, kniet sich vor den alten Mann und tätschelt ihm das Knie. Sagt auf Jugoslawisch beruhigende Wörter. Der alte Mann beruhigt sich, seine Frau wischt sich eine Träne von der Wange.
Die Bedienung macht Ordnung.
Und in der Schlossstraße geht alles weiter seinen Gang. Menschen im Leben, Menschen auf Passage und hinter ihren Geschäften her. Junge Frauen, aus deren Gesichtern die Hoffnung sich schon verpisst hat. Kerle, mit Zorn. Abgelebte und Alte. Gevögelte und Ungevögelte. Gescheiterte und Scheiternde. Glücksritter mit einem guten Lauf. Hallodris mit Pechsträhne.
Am Kaffeetischchen trinkt ein alter Russe den Kaffee und weiß nicht, ob er Kaffee mag. Seine Frau sieht den jungen Beinen der Mädchen nach und erinnert sich, wie sie mal in Petersburg über eine Pfütze gehüpft ist.
Weil ihr das Leben so leicht schien.
