DER TV-ARBEITER
berlin, 1. februar 2016
Wolfgang Rademann (das ist der Herr im blauen Hemd) hat sich immer gern die Hände schmutzig gemacht. Schon damals in Neuenhagen, wo er aufgewachsen ist. Da hat er in den alten Zeitungen vom Papa wühlen dürfen. Der hat nämlich ganz vieles gesammelt, was so bedruckt wurde in den Kriegstagen: den “Völkischen Beobachter”, den “Stürmer”, das “Reich”, die “Deutsche Allgemeine”, den “Kämpfer”, den “Angriff” und natürlich die “Berliner Illustrirte”.
Das alles hat Rademann senior studiert und die wichtigen Seiten aufgehoben. Meldungen von der Front, Neues aus der großdeutschen Heimat, Wichtiges aus der Region. Als der Vater 1947 starb, gab es im Haus ein klein-feines Archiv des kurzen tausendjährigen Reiches.”Ja, damals schon habe ich die Druckerschwärze an den Fingern gemocht.”
Auch nach seinem schweren Sturz vor einigen Monaten, ließ sich Wolfgang Rademann unbeirrt Bedrucktes in Krankenhaus bringen. Denn eigentlich wollte er wieder auf die Beine kommen. Rademann hat es im Umgang mit sich selbst immer so gehalten: Nur kein Drama um die eigene Person machen. Nur keine lauten Töne. Immer schön weiter arbeiten. Urlaub? Nein danke. Sport? Was soll das denn? Party, Party! Nicht mit Rademann.
Er hat seinen Job gemacht. Bis zum Schluss. Nun ist Wofgang Rademann an den Folgen des Sturze gestorben. Er wurde 81 Jahre alt. Rademann gilt als Begründer erfolgreicher Fernsehserien wie Das Traumschiff sowie Die Schwarzwaldklinik. 2015 erhielt Rademann den Bambi für sein Lebenswerk
Rademann, einer der erfolgreichsten Unterhaltungsmacher im deutschen Fernsehen, konnte gar nicht anders: Er musste alles lesen und verarbeiten. Die kleinen Meldungen und die großen Geschichten, die grell-lauten Anzeigen und die balkendicken Überschriften. Er musste sich durchwühlen durch dieses Papier-gewordene Leben. Er saß in seiner Ecke der Bar im “Kempinski” – wenn man reinkam, hinten links, ganz gut abgeschirmt. Kleiner Tisch, da passen maximal vier Menschen hin. Rademann hatte einen kleinen Block vor sich, ein halbvoll gekritzeltes Papier, eine kleine Zettelsammlung seines Ausschnittdienstes, der jede Rademann-Erwähnung, vom Garmisch-Partenkirchner Tagblatt bis zu den Kieler Nachrichten, vermerkt. Ein Kuli, ein ziemlich unaktuelles Handy.
Er lümmelte im Sitzmöbel, ließ seine wachen Augen unablässig flitzen und hatte so etwas wie leicht spöttische Erwartung im Gesicht: Na, dann zeig mal, was Du zu sagen hast. Unterhalt mich mal ‘n bisschen! Nur ja keine Langeweile aufkommen lassen! Wolfgang Rademann liebte dieses Leben im Zeit-raffer. “Nach zehn Minuten weiß ich in der Regel, was ich von jemandem zu halten habe. Und wenn man miteinander kann, hat man dann auch zwei Stunden gut Spaß miteinander.”Danach trennt sich noch einmal die Spreu vom Weizen.
Seine Abendtermine arbeitete Rademann gern in drei Schichten ab. Die erste dauerte von sieben bis neun, die zweite von neun bis elf, danach war Open End – da wurden nur Rademann-VIPs vorgelassen. Und so defilierten sie an Wolfgang Rademann – der gern mal als “Urgestein” der deutschen Fernseh-Unterhaltung charakterisiert wurde – vorbei: die jungen Schauspielerinnen, die von einer Rolle zur guten Sendezeit träumten; deren ältere Kollegen, denen die Felle davonschwammen; die Stars, denen im Kempi jeder die Tür aufhält; die Drehbuchschreiber, die meinten, das ganz große Ding in petto zu haben.
Und Rademann (“Ich bin kein Zyniker, sonst könnte ich meinen Job nicht machen”) durchschaute die meisten. Die Windmacher und die Trittbrettfahrer, die Blender und die Selbstdarsteller. Mit denen war er meist schnell durch. Keine Zeit für Mittelmäßigkeit.”Bauchmensch” Rademann hatte es nicht mit der Tiefenpsychologie und auch nicht mit der Religion. Für Wolfgang Rademann zählten ganz irdische Erfahrungswerte. Rademann besiegelte Vereinbarungen mit Handschlag (“Ein Mann, ein Wort”), er band sich an nichts und fast niemanden; mit der Schauspielerin Ruth Maria Kubitschek war er liiert – und das ging gut, weil sie am Bodensee und er, der Berliner, in der Welt lebte.
Einmal war er mit einer Geldanlage als junger Mann auf die Schnauze gefallen, seither legte er die Kohle konventionell an. ZDF-Mann Wolfgang Rademann ließ sich auch nicht von den Privaten abwerben, weil “das, was ich mehr verdienen würde, für den Arzt draufgehen würde, der mich wegen des Ärgers mit den neuen Redakteuren behandeln müsste”.
Rademann griente und kratzte sich am Bauch. Alles gut. Er hörte prima, dachte flott und hatte gute Augen. Er kriegte alles Wichtige mit, was sich im Fernsehen tut und zog – oft unbemerkt – heftig an Strippen. Er pflegte seine Freunde (“Da gibt es leider ‘nen gewissen Schwund. Bald kann ich ‘n Zelt aufm Friedhof aufstellen.”) und guckte ganz genau hin, was die Jungen machen. Manchmal haben sie sein Mitgefühl. “Da fehlt heute immer wieder der Pfiff, es ist nicht mehr so lustig.”
Aber dann war auch schon wieder Schluss mit nachdenklich. Das Leben war zu kurz. Es gab so viele Dinge, über die man sich freuen konnte. Rademann kam wieder auf die Sache mit den Zeitungen zu sprechen. Ist doch doll, wenn man auf seine alten Tage seinem Körper endlich beigebracht hat, “dass der gefälligst keinen Jetlag mehr hat”: Dann kann man die Neun-Stunden-Flüge über den Großen Teich so richtig genießen. Mit Zeitungen, Zeitungen, Zeitungen. Da können die Stewardessen das Papier gar nicht so schnell entsorgen, wie er es scannt.
Wenn er mal Entzugserscheinungen hatte – das kann auf dem “Traumschiff” fernab vom nächsten schönen deutschen Kiosk schon mal geschehen -, dann zahlte er einem Freund ein Flugticket und die 500 Dollar fürs Übergepäck, damit der dem Meister die Zeitungen apportierte. Und dann wurde die Kabinentür verriegelt und geschmökert. Denn eines konnte der Erfinder der “Schwarzwaldklinik” nicht verknusen: Dass er was verpasste.
Ist ihm einmal passiert. Er lag auf den Bahamas und ließ sich die Sonne auf den Pelz brennen – da sah er, dass immer mehr Touristen an der Bar CNN live guckten. Irgendwas aus Berlin. Nee, nicht irgendwas – der Fall der Mauer wurde da übertragen. Mann, was war der Rademann sauer! Für ‘nen Tausender hat er mit zu Hause telefoniert, den nächsten Flieger genommen und ist am 11. November 1989 an der Friedrichstraße in den Osten marschiert. Zwei Tage zu spät. “Ich habe mich so geärgert. So wat passiert mir nicht mehr.”
Damals hat er wie ein Schelm ausgesehen. Er hat so ein Gesicht gezogen, dass man sich auch jetzt vorstellen kann. Und dazu würde er sein Ableben kurz und knapp kommentieren: „Macht ma bloß keen Jedöns!“
