NALINAS
sommer zwanzichfuffzehn XXXIV
Sabrina wachte auf. Sie tastete hinter sich. Hans lag nicht da. Sie setzte sich auf. Am Fenster stand Krohn, sie blickte auf seinen Rücken.
“Hans, was ist?”
“Nichts. Wir haben Vollmond.”
“Und dann kannst Du nicht schlafen?”
“Hm.”
“Komm ins Bett. Sag’ mal, bin ich gestern eingeschlafen?”
“Ja, ich habe erzählt und erzählt – und wie ich zu Dir geschaut habe, hast Du gepennt. Du bist sehr schön, wenn Du schläfst.”
“Du Süßer. Was hast Du denn erzählt?”
“Von einem Typen der beim Wetten gewonnen hat.”
“Wetten. Was heißt das?”
“Naja, er hat beim Pferderennen auf den Sieger getippt.”
“Achso. Weißt Du, ich liebe Pferde.”
“Ach?”
“Erzähl’ doch weiter. Ich verspreche, ich schlafe nicht ein.”
Aufs richtige Pferd gesetzt. Dabei hatten alle gesagt, das sei für eine Siegwette das falsche Pferd. Udo griente, als er sich erinnerte.
30 Minuten früher:
Udo Krawittke stand an der Absperrung auf Höhe der Ziellinie und fror. Es war ein unwirtlicher Montagabend. Neumond. Es nieselte, und Windböen sprangen über die Trabrennbahn. Die Seile schlugen Salven gegen die Fahnenmasten. Icke, mit dem Udo immer zusammen stand, hatte den Mantelkragen hoch geschlagen und knurrte ein ums andere Mal:
„Sauwetter!“ Ida, grinste aus ihrem Rollstuhl hoch: „Von der Nörgelei wird’s auch nicht besser.“ Sie beobachteten die Teilnehmer des dritten Rennens, die sich auf ihren Auftritt vorbereiteten. Eigentlich hätten sie gar nicht hinsehen müssen, denn sie kannten ihre Pappenheimer.
VULKAN, der hatte einfach das Tempo, der konnte sich sogar Fehler erlauben, außerdem saß Michael Nimcyk im Sulky, mit dem ging ohnehin nix schief. KONARO, formschwach in den letzten Rennen, aber nun war er nach Berlin umgezogen, und da hatte er sich immer wacker geschlagen. JESSE BES, der große Endkämpfer, hatte in den vergangenen Monaten in Berlin überzeugt. ANTANO, so ein Grundsolider, auf dritte Plätze abonniert, vielleicht arbeitete er sich mal hoch. RENOIR SIMONI, hatte in Karlshorst mal ein Pillepalle-Rennen gewonnen, sonst ein ordentlicher Mitläufer. NALINAS FLASHLIGHT, Mittelmaß und nicht mehr, wenn es gut kam, ein Aspirant auf dritte Plätze. Hövings OLD DEVIL, hatte ein durchwachsenes Comeback-Jahr hinter sich, man hatte schon ein wenig mehr erwartet, aber er kam einfach nicht in die Pötte. JAGUIELLO, neu in Berlin, bisher nur mit mäßigen Leistungen, wann platzte bei dem der Knoten, platzte der überhaupt?
„Echt? Du hast echt ,Nalinas’ auf Sieg?“, fragte Ida noch einmal.
„Ja.“
Icke vergaß sogar das Sauwetter. So blöde konnte doch keiner sein. Der Udo kam nun seit fünf sechs Jahren zu fast jedem Rennen, der trieb sich manchmal frühmorgens auf dem Gelände rum und sah den Tieren beim Training zu. Der kannte sich aus. Er war bekannt dafür, dass er ganz selten mit Verlust nach Hause ging. Nie machte er den großen Schnitt, dazu waren seine Wetten zu vorsichtig. Der Udo war bekannt für seine Umsicht.
Und jetzt „Nalinas“! Wo doch klar wie Kloßbrühe war, dass „Vulkan“ das Rennen machen würde.
„Ich hab’ so’n Gefühl gehabt.“ Udos Erklärung war lächerlich. Ein Profi hat keine „Gefühle“ zu haben. Na gut, jeder kann mal ’nen Aussetzer haben. Der Udo musste ja wissen, wie er seine Kohle zum Fenster raus schmiss.
Ein verrücktes Rennen. „Vulkano“ zog los wie von Furien gejagt. Kein Zweifel, dass er das Rennen machen würde. Hinter ihm spielten sich kleine Dramen ab. Drei Gespanne, vier Gespanne wurden disqualifiziert, weil die Pferde aus dem Tritt gekommen waren. Und dann…
…ja, dann erwischte es auch „Vulkano“. Diesen wunderbaren Traber, diesen Sieg-Garanten. Die Stimme des Sprechers überschlug sich: „Ich glaube es nicht: Die Favoriten springen sich alle aus dem Rennen.“ Nun führte „Jesse Bes, die verbliebenen Gespanne trappelten durch die letzte Kurve. „Jesse Bes“, innen, wirkt matt. Außen stürmte „Nalinas“ heran, überholte, ließ nicht nach, vergrößerte seinen Vorsprung, querte mit fliegender Mähne die Ziellinie – nicht einmal die Gerte hatte der Jockey gebraucht.
Entsetzen unter den Profis. Da hatten sie allesamt satt ins Klo gegriffen.
Alle
Neenee, der Udo konnte kaum an sich halten. Er eilte in die Nähe eines Lautsprechers, um die Durchsage der Quote auch je nicht zu verpassen.
260:10. Und er hatte 30 gesetzt.
Das Leben kann so wundervoll sein.
Udo Krawittke ließ sich den Gewinn auszahlen („Hey Udo, biste unter die Hellseher gegangen“, fragte der Mann am Schalter).
„Glück“, antwortete Krawittke, packte die Scheine in seinen Geldbeutel. Er blickte hinaus ins Herbstwetter und beschloss, im Restaurant zu feiern.
Ein Klarer, ein Bier, ein Monitor auf dem Tisch, ein Dach überm Kopf – und eine dicke Brieftasche.
Wunderbarer Abend.
Udo Krawittke streckte genüsslich die Beine aus. Er studierte die Starter des sechsten Rennens. Er würde setzen müssen, das gebot die Zocker-Ehre. Aber Krawittke war nicht bei der Sache. Er wollte den Luxus, hier oben zu sitzen, auskosten.
Am Tisch links dinierten Josef und Hermann. Die beiden gehörten sozusagen zum Inventar der Rennbahn. Gewöhnlich traten sie nur zu zweit auf. Wenn einer fehlte, war er krank. Josef und Hermann ergänzten sich wie zwei Ehepartner, die nicht miteinander und nicht ohne den Anderen können.
Im vergangenen Jahr war Josef zwei Wochen allein gekommen. Damals war Hermanns Frau gestorben. Josef hatte eine schwarze Binde am Hemdsärmel getragen, aber so richtig traurig war er nicht gewesen. Er hatte die Alte vom Hermann nie gemocht. Die hatte seinem Freund immer dazwischen gequakt. Taschengeld fürs Wetten hatte sie ihm mit gegeben. Taschengeld! Man stelle sich das mal vor!
Dann war sie gestorben. Josef war zur Beerdigung gegangen, hatte am Grab kondoliert und gewartet, bis der Hermann wieder bereit für die Rennen gewesen war.
Seitdem kamen sie wieder pünktlich und zuverlässig im Zweierpack. Eine halbe Stunde vor dem ersten Rennen bezogen sie in der Mitte der ersten Reihe Platz. Sie hängten die Jacken über die Stuhllehnen und krempelten die Ärmel hoch. Wie immer trugen sie weinrote Pullunder und sorgsam gebügelte Cordhosen. Sie setzten sich.
Josef fummelte am Tisch-TV herum, bis er die Übertragung von einer anderen deutschen Rennbahn gefunden hatte. Dinslaken, Gelsenkirchen, München, wasauchimmer.
Hermann bestellte ein Bier für sich, einen Tee für Josef (dem hatte der Arzt Bier verboten) und zwei Korn zum Warm-Werden. Die Renn-Zeitungen wurden auf dem Tisch ausgebreitet, Stifte aus den Jackentaschen gekramt – die Arbeit konnte beginnen.
Bei der Vorbereitung ließen sich Josef und Hermann von niemandem stören. Wortlos stellte der Kellner die Getränke auf den Tisch, wortlos nahmen die alten Herren ihren ersten Schluck.
Das Studium der Pferde ist eine ernste Wissenschaft. Josef fügte den Kommentaren in der Renn-Zeitung oft noch eigene Anmerkungen bei. Außerdem führte er eine Kladde mit sich, in die er alles Erwähnenswerte notierte. Akribisch vermerkte er jede Beobachtung – ihm entging nicht, wenn ein Traber eine kritische Phase durchlebte („nervöser als sonst“, schrieb er dann beispielsweise, oder wenn einen Fahrer das Glück verlassen hatte („braucht wohl mal eine Pause“). Josef war als großer Analytiker in Mariendorf gerühmt.
Hermann ließ sich lieber von einem Bauchgefühl leiten. Sicher, er kannte die Ergebnisse aller Rennen, er wusste, in welcher Form die Pferde waren. Aber letztendlich verließ er sich auf das, was er vor Ort sah. Er guckte den Tieren bei der Parade auf die Fesseln und schätzte ihre Körperhaltung ab. Seine Erkenntnisse glich er mit den Vorwetten ab, dann traf er die Entscheidung. Er brauchte keine Kladde und keine langen Notizen. Ein paar Kreuze, Ruf- und Fragezeichen, ein unterringelter oder unterstrichener Name reichten völlig – nach solchen Vermerken taperte Hermann zum Schalter, setzte seine Wetten und schlenderte zurück an seinen Platz.
Rechts von Udo residierte der „Baron“. Alle nannten ihn so. Mit Sicherheit war er nicht von Adel, aber er hatte was sehr Feines.
Um die 50 mochte er sein. Im Herbst ging er nie ohne schwarzen Schirm unter die Leute. Ein echter Gentleman: Budapester Schuhe, Modell „Kiew“; graue Hose mit messerscharfer Bügelfalte; Burberry-Socken; Van-Laak-Hemd; Kaschmir-Pullover; Wildlederjacke.
Der „Baron“ trank Kaffee, schwarz, und Cognac. Er verbrauchte an einem Abend drei Wettblöcke. Kreuzte unablässig seine Favoriten für die nächsten Rennen in Mariendorf und anderswo (nein, dem „Baron“ reichte eine Veranstaltung nicht, er konnte nicht genug bekommen) an. Er war viel unterwegs zwischen dem Schalter und dem Cognacglas.
Derangiert hatte man ihn noch nie gesehen. Stoisch trank er einen Weinbrand nach dem anderen, stoisch registrierte er allfällige hohe Verluste. Nach dem letzten Rennen schlüpfte er in seine Jacke, fuhr mit dem Lift ins Erdgeschoss, marschierte kerzengerade durch die Nacht zum Parkplatz, wo schon ein geordertes Taxi wartete.
Dann war er weg. Irgendwo in der großen Stadt. Verschwunden und unauffindbar.
Bis zum nächsten Rennen. Dann brachte ihn das Taxi wieder zur Bahn, er nahm den Aufzug, ging zackig zu dem Tisch mit dem Reserviert-Schild, orderte den ersten Cognac und füllte den ersten Wettzettel aus.
Es gab niemanden auf der Rennbahn, der den „Baron“ je beim Lächeln ertappt hätte.
Manchmal hätte man meinen können, er sei ein lebender Toter oder so was.
Aber wetten Zombies auf Pferde? Kaum.
