MAIK
sommer zwanzichfuffzehn XXX
“Sabrina”, sagte Krohn und schubberte seine über Nacht gewachsenen Kinnhaare über ihre glatte Schulter – was sie mochte und nicht mochte. “Jetzt magst nichts mehr hören.”
“Oder was?”
Sie schob sich an ihn heran. Mit unten.
“Oder was?”
Mit untenunten. Ach.
Später wiederholte er, dass sie jetzt wohl nichts mehr hören wolle.
Doch, sagte sie.
Also: Lange Geschichte.
Auf der Straße
Es ist so schön, ihre Hand zu halten. Maik drückt ein bisschen, Sophie sieht ihn an und lächelt. Dann schaut sie auf seine Hand: Die Knöchel sind noch bandagiert, aber lang ist das nicht mehr nötig. Es deutet fast nichts mehr darauf hin, was vor einem halben Jahr geschehen ist.
Damals ist er fast verreckt.
Maik hat Sophies Blick bemerkt. Er streichelt ihr mit dem Verband über die Wange. „Dir geht es doch gut, oder?“, fragt er. Sie nickt und schmiegt sich an seine Schulter.
Es ist ein sonniger Samstag im Herbst. Auf der Wiese liegt ein Mann bäuchlings auf einem Badetuch und hört Kofferradio. Die Reporter in den Bundesliga-Stadien brüllen sich die Kehlen heiser. Maik und Sophie registrieren es nicht. Sie haben nur sich und wollen nur sich.
„Haste Entzug?“, fragt sie.
„Nee. Wirklich nicht. Wie soll ich auch. Vor zwei Wochen zum letzten Mal gesoffen. Da ist man runter. Ich muss eben aufpassen.“
Sie nickt. Sagt, sie würde heute ganz doll an Daniel denken. „Ich weiß ja, der hat es gut. Aber ich möchte ihn doch bei mir haben. Der gehört zu uns, der Daniel.“
Ja. Sie konnten nichts machen, als ihnen die Leute vom Jugendamt das Baby abnahmen und zu Pflegeeltern gaben. Das war vor einem halben Jahr, drei Monate nach Daniels Geburt. So richtig wehren konnten und wollten sich Sophie und Maik nicht. Er hatte sich wieder einmal mit den Bullen geprügelt und war mit vier Promille in der Klinik gelandet. Danach klang es ein bisschen mau, als er beteuerte, das würde nicht mehr vorkommen.
Die Bullen, die Ärzte, die Streetworker, die vom Jugendamt glaubten ihm schon lange nicht mehr.
Naja, er war eben mal wieder ausgetickt. Irgendwie kam an dem Tag alles zusammen. Sein Vater – besoffen wie zehn Russen – hatte Sophie und ihn rausgeschmissen. Maik rief bei der Mutter an, und die hatte nichts Besseres zu tun als ihn zu beschimpfen. Er hätte sich das mit dem Baby früher überlegen sollen. Sie würde den Teufel tun und ihn und seine Bagage aufnehmen. Sie sei froh, dass sie niemanden mehr sehen müsse.
Sophie war nervös geworden und mit dem Baby zu einer Freundin gegangen. Hatte gesagt, er solle erst einmal eine Bleibe besorgen, dann komme sie zurück.
Da stand er nun vor dem Hochhaus in Marzahn, in dem sein Vater sich hinter verriegelter Tür die Kante gab. Maik wusste an diesem Vormittag rein gar nichts mit sich anzufangen. Er ließ sich durch die Stadt treiben. Fuhr ein bisschen schwarz hin und her. Landete schließlich am Alex.
Alle Kumpel von früher am Start. Sie hatten es sich auf einem kleinen Grünstreifen unterm Fernsehturm gemütlich gemacht. Man ließ Korn und Bier rum gehen.
Maik (Wie lang war er jetzt trocken, acht Wochen oder neun? Egal, auf alle Fälle eine kleine Ewigkeit!) wollte eigentlich keinen Alkohol. Ob es nicht irgendwas Anderes gäbe? Was zum Drehen oder Schnupfen? Er brauchte etwas zum Runter-Kommen.
Nein, sagten sie. Außer Alk hatten sie nichts am Laufen, leider.
Also fügte er sich und fing an zu trinken. Er wusste zwar, dass das wohl nicht gut gehen würde, aber nun war es auch egal.
Mit dem Trinken ist das bei Maik so eine Sache. Entweder lässt er die Finger vom Alkohol, oder es trägt ihn aus der Kurve.
An diesem Tag flog er so richtig schlimm auf die Fresse. Er kippte den Fusel wie Wasser, füllte mit Bier auf. Nachmittags wankte er durch den Bahnhof, und die Passanten machten einen großen Bogen um den schmalen jungen Mann mit den vollgepissten Jeans.
Er war sehr unglücklich. Hatte Angst, Sophie würde ihn nicht mehr nehmen. Auf dem Handy hatte er kein Guthaben mehr, konnte also nicht mit ihr telefonieren. Er war einem der Streetworker begegnet – der würde wohl seinem Betreuer stecken, dass Maik sich wieder mal am Alex rum trieb. Dann würde er aus dem Resozialierungs-Programm gekegelt. Dann wäre alles wie früher – und er wieder ein Kind der Straße.
Die Verzweiflung wuchs. Maik stolperte die Treppen nach oben zu den Bahnsteigen. Er würde allem ein Ende machen. Hatte ja doch keinen Sinn.
Er stand schwankend auf dem Perron. Die Menschen kümmerten sich nicht um ihn, wie er auf die Kante zu steuerte.
Maik ließ sich ins Gleisbett fallen. Die S-Bahn sollte in zwei Minuten einfahren.
Jemand zog eine Notbremse.
Maik rappelte sich hoch. Er blutete im Gesicht und brüllte seinen Zorn heraus. „Ihr verfickten Säue. Lasst mich doch einfach sterben.“
Die Leute glotzten ihn an. Dann rückten die Bullen an. Hatten schon die Lederhandschuhe übergestreift und die Schlagstöcke parat.
Der angehaltene Zug stand vor dem Bahnhof und wartete.
Maik ist ein großer Fighter. Wenn er was getrunken hat, spürt er keine Schmerzen und lässt nicht locker. Die Bullen waren an diesem Tag zu viert und hatten alle Mühe, ihn unterzukriegen. Sie zogen ihm die Schlagstöcke über den Kopf, sie prügelten auf seinen Rumpf ein.
Und sie bekamen selbst ordentlich ihr Fett ab. Maik schlug und kickte um sich. Er brach sich dabei die rechte Hand, eine Achillessehne riss. Als sie ihm die Handschellen anlegten, blutete der junge Mann aus drei Wunden im Gesicht.
Er wurde auf die Wache gebracht. Erst dort stellten die Beamten fest, dass Maik in die Klinik musste. Dort fiel er in einen komatösen Zustand. An die zwei Tage nach dem Kampf kann er sich nicht mehr erinnern.
Nun sitzt er wieder neben Sophie. Der verrückte Fight ist lange her, Daniel mussten sie danach abgeben. Manchmal trinkt Maik, aber nie so viel, dass es ihn ganz schlimm würfelt.
Er sieht verzückt auf seine und Sophies Hand. Er spürt, dass sie ihm aus seinem Leben in ein neues helfen wird.
Sie ist eine schöne junge Frau. Schwarzes langes Haar, dunkle traurige Augen. Sehr zart ist sie, trägt immer sexy Röcke und hat so wunderweiße Zähne. Sophie kommt aus Dresden und sächselt ein wenig – das findet er herrlich. Sie ist der erste Mensch, der Maik gestreichelt hat.
Den Vater kennt er nur besoffen. Meistens ist er friedlich, nur ab und zu – einmal in der Woche vielleicht – sucht er Streit. Dann hat er auch die Mutter vermöbelt, als sie noch bei der Familie lebte. Die Geschwister haben es auch gekriegt – und wenn die vom Alten durch genudelt worden waren, haben sie sich den Maik, den Jüngsten, vorgeknöpft.
Er ist froh, dass er die Vollidioten nicht mehr sehen muss.
Die Mutter? Ach was, Mutter! Das ist doch keine Mutter!
Die mag niemanden, nicht mal sich selbst. Die ist auf alle wütend und tötet ihre schlechten Gefühle mit seltsamen Aktionen. Sie geht ohne Kohle zum Shoppen; sie holt sich junge Lover ins Bett, die sich doch nur über sie lustig machen; sie tingelt tagelang durch die übelsten Kaschemmen der Stadt.
Liebe? Ach was, Liebe! Das kennt die Alte nicht.
Die hat das damals wahrscheinlich tagelang nicht geschnallt: Als er einfach weg geblieben ist. Da war er acht und kannte sich schon ziemlich aus im Leben. Es war im Herbst, mit der Schule hatte Maik abgeschlossen. Er stopfte ein paar Sachen aus dem Kühlschrank in den magentafarbenen Rucksack seiner großen Schwester, packte eine Unterhose und einen Anorak dazu. Der Junge zerschmiss sein Sparschwein und das seiner Schwester auf den Fliesen des Badezimmers und sammelte das Geld ein.
Mit der Straßenbahn ging es in die Stadt. Maik bewegte sich mit großer Sicherheit durch die Bahnhofshalle am Alex und trat so selbstbewusst vor die Schalterbeamtin, dass sie ihm – nachdem sie ihn nachdenklich gemustert hatte – eine Fahrkarte nach Hamburg (Regionalbahn, halber Tarif) verkaufte.
Er leistete sich einen Döner, schnorrte bei einem gutmütigen Punk einen Schluck Bier und schnürte zu seinem Zug. Der Waggon war während der ganzen Zeit ziemlich leer. Maik blickte aus dem Fenster und nahm nichts so recht wahr. Irgendwie war er ganz froh, mehr fühlte und dachte das Kind nicht.
In Hamburg stieg er am Hauptbahnhof aus, ging hierhin und dorthin, schlief hier und dort ein wenig, bettelte diesen und jenen an, wenn der Hunger schmerzte. Drei, vier Tage lang trieb er so durch die Stadt, dann sprach ihn ein Mann an. Der Typ hatte eine freundliche Stimme und besorgte ihm erst einmal etwas zu essen und trinken. Er ging mit dem Fremden, der sagte, er würde Maik zu seiner „Familie“ bringen.
Der Mann hatte sogar ein Auto. Sie fuhren an dem großen Strom mit den imposanten Dampfern entlang, kamen in ein Viertel, in dem es irgendwie so aussah wie zuhause in Berlin – Malereien an den Mauern, verrottenden Bretterzäune, Fenster ohne Scheiben.
Maik fühlte sich wohl. Und die „Familie“ des Mannes, den alle Fiete nannten, war klasse. Die fragten nicht viel. Man machte ihm eine Ecke frei, legte eine Matratze und ein paar Decken auf den Boden, sagte, er solle es sich bequem machen – und dann ließ man ihn in Ruhe.
Es war schön, nach den Tagen auf der Straße mal nicht aufpassen zu müssen, dass man nicht den Bullen über den Weg lief. Es war paradiesisch, keinen Hunger und keinen Durst zu haben. Es war tröstlich, die Anderen lachen und reden zu hören. Super, eine Familie!
Sie ließen ihn, wie er war. Wenn er an die frische Luft wollte, dann ging er einfach. Manchmal fragte ihn ein Polizist, wo er denn hin gehöre. Dann sagte er den Namen einer Straße oder er glotzte bloß blöde. Er hatte so eine Art, dass die Beamten an ihm schnell die Lust verloren. Er klaute nicht. Beim Schwarzfahren war er auf der Hut. Und zum Kiffen und Saufen verdrückte er sich ins Private. Den Maik kriegte so schnell keiner.
In der Familie war ein Kommen und Gehen. Fiete bestimmte, wer bleiben durfte und wer nicht passte. Den Maik mochte Fiete. Er wies ihm nach einer Weile einen Spitzenplatz in der Nähe der Kochstelle zu. Dort war es am wärmsten. Maik hatte die Matratze, seinen Schlafsack und eine Obstkiste, in die er seine Klamotten schmiss. Zwei, drei Plastiktüten für Dinge, die er bei Stadtgängen erbeutet hatte. Das war Maiks Ecke, in der sonst keiner was zu suchen hatte – da achtete Fiete schon drauf.
Maiks Tüten waren meist gut gefüllt. Er war findig, draußen in den Straßen. Erstens schenkten die Leute einem kleinen blonden Jungen schnell mal ein bisschen Klimpergeld. Und dann war er ein Meister beim Containern. Er wartete, bis die letzten Angestellten eines Supermarkts den Arbeitsplatz verlassen hatten – dann schlenderte er unauffällig in den Hinterhof, wo der Müll entsorgt worden war.
Als Erstes besorgte sich Maik eine Holzkiste oder irgendwas, worauf er steigen konnte. Er kletterte in den Container, knipste die Taschenlampe an und orientierte sich.
Wurst in der Plastikverpackung war toll, Käse mochte er nicht so. Brot musste sein. Dosen nahm Maik unbesehen mit. Obst auch. Geil war, wenn ihm eine Ananas in die Hände fiel. Das Gemüse ließ Maik meist liegen, es ging auch ohne. Wenn er auf Milch stieß, kam die in die Tüte.
Dann war die Pflicht getan. Nun suchte Maik nach den tollen Sachen. Süßer Yoghurt, überhaupt alles Süße. Kinderschokolade-Sachen. Kokosriegel. Chips oder so was gab es im Container nicht, das war blöd. Dafür fand er ab und zu Haarshampoo – schon komisch.
Maik zog zum Containern mit zwei Plastiktüten los, die hatte er bald voll und trug sie nach Hause. Die Süßigkeiten bunkerte er neben seinem Schlafsack, den Rest lieferte er bei Fiete ab. Der verwaltete das dann.
Wenn Fiete nicht zu besoffen war, konnte es sogar vorkommen, dass er kochte. Schmeckte irre gut. Spaghetti mit Tomatensoße, solche Sachen. Es roch dann wunderbar in der Bude, und es war herrlich küchenwarm. Alle setzten sich im Kreis rum und spachtelten, bis der Topf leer geleckt war. Sie erzählten, was sie so erlebt hatten draußen in der Stadt. Und Maik lernte und lernte und lernt. Diese Mahlzeiten waren seine Schule.
Die Anderen hatten auch nichts dagegen, dass er einen Schluck nahm, wenn Wein oder Bier rum gingen. Tja, wenn es nach den Anderen gegangen wäre, hätte er trinken können, soviel er wollte. Aber irgendwann, viel zu früh, sagte Fiete dann immer: „Maik, das ist jetzt genug.“ Und es gab wieder Cola.
Schnaps war für ihn sowieso verboten, da war er noch zu klein, sagten sie. War okay für ihn. Er hatte mal vom Schnaps probiert, der schmeckte ihm überhaupt nicht. Bier, naja, das ging und machte ein schönes Gefühl. Mit dem Wein war das so eine Sache. Manchmal sagte der Fiete, dass man gerade einen „schönen Trockenen“ in der Mache hatte. Brrr! Das ließ sich ja kaum saufen. Aber öfter schimpfte Fiete, was das denn schon wieder für eine „süße Plempe“ war – das konnte Maik dann gar nicht verstehen: je süßer, je besser!
Einmal hatte er ein dolles Glück – da war er zehn oder so -, und ihm fiel eine Flasche Eckes Edelkirsch in die Hände. Naja, so richtig in die Hände gefallen ist sie nicht. Sie stand da rum auf der Verkaufstheke des kleinen Ladens hinterm Hauptbahnhof. Maik streunte gerade vorbei und checkte, dass kein Schwein in der Nähe war. Wirklich niemand weit und breit. Da ist Maik schnell in den Laden geflitzt, hat sich die Buddel geschnappt und die Biege gemacht.
Das war nun echt kein Klauen! War ja kein Bulle in der Nähe!
Er also flugs mit dem Edelkirsch unterm Anorak nach Hause. War ein hübsch anstrengender Marsch durch die halbe Stadt. Machte echt durstig.
Niemand zuhause. Es war später Nachmittag, da hatten alle in der City zu tun. Maik ließ sich auf seinen Schlafsack plumpsen, lehnte sich gegen die kahle Wand und drehte den Verschluss der Flasche auf.
Er schnupperte. Das roch schön. Nicht wie Gummibärchen oder Marmelade – aber doch wieder so. Er nippte.
Hui! Huiuiui! Echt!
Das füllte den Mund mit Süße. Das war wie eine Belohnung.
Er trank. In immer größeren Schlucken.
Fein, wie sich alles drehte!
Die Schlafsäcke, die verstreut im Raum waren. Die Tüten und Klamotten und das Gerümpel neben den Schlafsäcken. Fietes Kochstelle mit dem Ziegelgeviert und dem Holz mittendrin. Schön hatten sie es hier. Der Wind kam nicht rein, weil die Fenster mit Plastik dicht gemacht waren. Regen konnte ihnen scheißegal sein, sie hatten ein gutes Dach.
Die Flasche leerte sich schnell, der Raum drehte sich rascher. Maik wollte aufstehen und irgendwohin gehen. Aber das klappte nicht, er stolperte und musste sich wieder setzen.
Er trank aus.
Das gute Gefühl war ganz weg. Maik hatte Angst. Ihm war sehr schlecht. Er kotzte sehr viel. Dann war er weg.
Als er wieder was sah, guckte er in Fietes Gesicht über sich.
„Was machst’n Du für Sachen?“, fragte Fiete.
„Hmgrmpf“, sagte Maik.
„Schon gut. Jetzt machen wir erst mal die Sauerei weg, dann pennste Dich aus.“
„Wrngr.“
Am nächsten Morgen war ihm immer noch sehr schlecht, und die Anderen haben ihn nett behandelt. Aber später haben sie Maik immer wieder damit aufgezogen, wie es gewesen war, als er sich mit Edelkirsch ins Kinder-Koma gesoffen hatte.
Vier Jahre Hamburg. War eine wunderbare Zeit. Im Winter und Herbst nicht so schön wie sonst, aber selbst dann ließ es sich aushalten. Maik war neben Fiete der Hausherr, keiner lebte so lang in der Wohnung wie die Beiden.
Maik war also nun fast 13, hatte schon Haare da unten, die Stimme eines jungen Mannes. Sehr schmal war er. Vor einem halben Jahr hatte er die Mähne noch schulterlang – dann ließ er sich die Matte abscheren. Ratzekahl. Nun sah Maik ein wenig krank aus. Maik hatte schwere Biker-Boots an den Füßen, trug schwarze Röhren-Jeans mit Nietengürtel und ein Totenkopf-T-Shirt. Die Lederjacke zog er nur an, wenn es wirklich kalt war. Maik fror nicht so leicht.
Er guckte meist zu Boden – wenn er einmal jemandem in die Augen sah, hatte sein Blick etwas Lauerndes, Zorniges. Er war kein freundlicher Junge.
Und er hatte gelernt, sich zu wehren. Ein Schlaks wie er musste die fiesen Tricks beherrschen, wenn er nicht unter gehen wollte. In der Wohnung musste Fiete ihn nicht mehr schützen, das besorgte Maik schon selbst. Und auf der Straße ließ er sich nicht ins Bockshorn jagen. Maik bezog selten Prügel, weil er Gefahren ahnte. Wenn es brenzlig wurde, verdünnisierte er sich.
Am Bahnhof wurde er jetzt regelmäßig von den Schmierlappen angesprochen, die ihn gern gekauft hätten. Er kannte die Tarife und wusste, worum es ging. Nee, das war nicht sein Ding. Sein Bier bekam er auch ohne die Kohle von den schwulen Ärschen. Er brauchte keinem einen blasen, nee, wirklich nicht. Er hatte ja auch nix mit den Mädels.
Die Gegend um Hauptbahnhof, Reeperbahn, Altona kannte Maik wie ein Taxifahrer. Nein, er kannte sie besser, denn er wusste auch in den Hinterhöfen Bescheid. Überall hatte er Anlaufstellen. Mal vertrieb er sich hier die Zeit, mal ließ er sich da durch den Tag treiben.
Er sorgte dafür, dass es immer genug zu trinken und zu fressen gab. Das Besorgen der Getränke war vorrangig. Maik brauchte Bier, wahlweise Vinum. Und er war mittlerweile erwachsen genug, auch beim Korn oder Wodka mitzuhalten. Aber war halt immer noch ein Kleiner, Süßer. Am besten schmeckten Old Baileys oder Apfelkorn oder Cola-Mischsachen.
Also, Maik war echt nicht unzufrieden mit seinem Leben.
Aber da kamen ihm diese Scheiss-Bullen in die Quere!
Es war ein schöner Tag. Maik trieb sich in der Mönckebergstraße herum. Er hatte ein bisschen Kleingeld in der Tasche, das würde er fürs Erste auf den Kopf hauen. Er kaufte sich einen Big Mac, den er auf einer Bank verdrückte.
Die Menschen hatten es eilig, immer hatten sie es eilig. Maik guckte ihnen beim Eilen zu und dachte nichts. Der Big Mac war klasse, gerade das richtige Frühstück. Maik wischte sich mit dem bloßen Arm über den Mund und begann mit der Überlegerei:
Was sollte er anfangen?
Jetzt schon zu den Kumpels am Bahnhof? Achnee, das war noch ein bisschen zeitig – am frühen Nachmittag waren die immer so muffig, die mussten erstmal auf Touren kommen, dann hatte man auch seinen Spaß mit denen.
In der Gegend rum schnorren? Naja, war ’ne Möglichkeit, da kam am Schluss immer Kohle zusammen, die konnte man dann den Kumpels abliefern, die die Pinkepinke in Alk umsetzten, er kriegte ja in den Läden ums Verrecken kein Bier, nicht mal ’ne klitzekleine Dose, es wurde Zeit, dass er erwachsen wurde.
Vielleicht dann doch eine kleine Tour? Seit einem halben Jahr verdiente sich Maik gerne mal was dazu, war nicht schlimm, immer nur so harmlose Abgreifereien, der Fiete fand das nicht toll, aber der hatte das selber auch gemacht, also konnte er nicht groß meckern, und erwischen ließ sich Maik sowieso nicht.
Überhaupt: Klauen war für Maik nur echtes Klauen, wenn die Bullerei in der Nähe war. Dann ließ man es lieber. War die Luft rein, dann sah die Geschichte schon ganz anders aus.
Genau, er würde auf Tour gehen. Bei dem schönen Wetter hatten die Menschen nicht soviel an, da war das Greifen besonders einfach.
Also:
Jede Menge Touris in der Stadt. Die klapperten hechelnd die Sehenswürdigkeiten ab – und wenn sie fix und alle waren, schleppten sie sich zu einem Café und glotzten schwitzend auf die Alster. Hatten ihre Handtaschen an die Stuhllehne gehängt oder die Rucksäcke unter den Tisch gelegt.
Wie blöd!
Maik wanderte in Richtung Bahnhof. Linste kurz in die dunkle Spielhalle, aus der sie ihn immer raus schmissen (dabei reizte ihn der Laden riesig). Die Ampel wurde grün, er querte die Straße, stand vor dem Bahnhof. Er entschied sich, dass er drinnen auf Tour gehen würde.
Die Kumpels hatten ihm beigebracht, dass die Gleise, von denen die großen Züge abfuhren, am ergiebigsten waren. Maik besah sich die Anzeigetafeln. Das Lesen hatte er zwar in Berlin gelernt, aber er hatte nicht viel Übung drin. Er fand Bücher langweilig, selbst das Entziffern kurzer Texte fiel ihm schwer.
Aber es half ja nichts. MÜNCHEN stand da und ICE – na, das war genau das Richtige.
Er würde es auf der Rolltreppe machen – da waren die Reisenden besonders unaufmerksam. Maik sah sich um. Gefährlich waren nicht die Uniformierten – die erkannte man ja auf einen Kilometer. Aber vor den Zivilen musste er sich hüten.
Die Kumpels hatten ihn eingewiesen: Die Frauen und Männer, die nicht ganz so schnell gehen wie der Rest. Die, die irgendwo an der Wand stehen und Zeitung lesen. Oder sich besonders lang vor den Kästen mit den Fahrplänen rum drücken. Die, die einfach nur Löcher in die Luft gucken. Die, von denen man glaubt, man hat sie schon mal irgendwo gesehen…
Das können Zivile sein.
Beim geringsten Verdacht, hatten die Kumpel gesagt, verdrückst Du Dich unauffällig. Nur ja nicht unvorsichtig werden! Lieber einmal zuviel abtauchen!
Doch in diesem Moment fühlte sich Maik gut. Keine Uniform weit und breit – und auch sonst niemand Verdächtiges.
Nächste Stufe: Opfer aussuchen.
Die alte Dame hatte was Schönes an und humpelte. Sie trug eine Handtasche. Alles schön und gut – aber sie wurde von einer jüngeren Frau begleitet. Finger weg!
Vergessen kann man auch die ganzen Geschäftsmänner. Das sind zwar reiche Pinkel, aber eventuell sind sie auch ganz gut in Form, und das Davonlaufen wird ein Problem.
Die Blonde mit den zwei Kindern vielleicht? Die hatte alle Hände voll zu tun, und die Blagen kreuzten ihr zwischen den Beinen rum. Die konnte sich gar nicht richtig auf ihren Rucksack konzentrieren. Aber bis man erst einmal den Reißverschluss von so ’nem Rucksack auf hat, dauert das viel zu lang. Nee, besser nicht.
Aber der Herr mit den weißen Haaren, der da hinten kam – das könnte einer sein. Großer Mantel, obwohl es doch warm ist. Tatterig, der Typ. Schlurfte ziemlich langsam daher, der konnte sicher nicht rennen. Und er schaute ein bisschen irre in der Gegend rum. Der schnallte das doch gar nicht, wenn man sich an den ran machte. Einen kleinen Koffer hatte er dabei, aber keine Handtasche oder so was. Wahrscheinlich war die Knete im Mantel. Solche Typen sind ja so blöde, dass sie das Portemonnaie in die Tasche stecken, wo jeder hin kommt.
Der Mann näherte sich der Rolltreppe, die zum Bahnsteig im Untergeschoss führte. Vor ihm reihten sich noch zwei kichernde Mädchen ein. Perfekt, da konnte der Typ sich nicht nach unten weg bewegen. Der Mann trat auf eine Stufe, ihm folgte Maik dichtauf. Maik hatte alle Zeit der Welt, in den Taschen des Vordermanns zu tasten. Da kam es ihm zugute, dass er so klein war.
Noch bevor sie unten waren, hatte Maik schon das Portemonnaie in den Bund gesteckt. Gleich würde er umdrehen und wieder nach oben fahren. Dann nichts wie lässig raus aus dem Bahnhof, in eine dunkle Ecke, den Geldbeutel flöhen und weg schmeißen. Yes! Der Tag war geritzt.
Auf halber Höhe sah er den Typen. Der stand da oben und wartete. Ein Ziviler, ganz klar. Maik drehte um und wollte gegen die Fahrtrichtung nach unten zurück rennen.
Scheisse.
Am Ende der Rolltreppe stand auch einer. Das war’s.
Diesmal ließen sie ihn nicht laufen. Auf der Wache nahm ein Polizist mit Schnauzbart Maik so richtig in die Mangel. Der Typ ließ nicht locker, bis Maik ihm seinen richtigen Namen sagte.
„Berlin?“, fragte der Bulle. Wie lange er denn schon in Hamburg sei. Vier Jahre oder so, meinte Maik, und der Polizist bekam ganz erstaunte Augen. Wo er denn geschlafen habe? Maik sagte kein Wort, er würde ja wohl die Familie nicht verpfeifen, kam ja nicht in Frage. Da konnte der Mann tricksen und fragen und fragen und tricksen. Das würde der nie aus ihm raus bekommen.
Sie brachten ihn in ein Heim mit vergitterten Fenstern, und die Türen waren auch abgeschlossen. Zwei Tage tigerte er zusammen mit anderen Jungs über den Gang, kickerte, vertrieb sich die Zeit mit Tischtennis, ließ sich verpflegen und wartete. Dann kam einer – so ein Junger, Verständnisvoller mit schulterlangen Haaren, der auf cool machte – und erklärte ihm, man werde ihn nach Berlin zurück bringen. Er solle es doch noch einmal mit seinem Vater versuchen, der würde auf ihn warten. Der Langhaarige begleitete Maik dann auch im Zug und übergab ihn seinem Dad. Der sah eigentlich ganz passabel aus und freute sich über das Wiedersehen. Naja, dachte Maik, versuchen kann man es ja.
Scheisse nur, dass er seine Hamburger Familie verloren hatte. Die fehlte ihm schon. Was der Fiete wohl so machte?
Der Alte soff immer noch. Die Mutter trieb sich irgendwo in der Stadt rum, die tauchte nur auf, wenn sie total am Hund war. Die Geschwister wohnten nicht mehr zuhause.
Das war erfreulich. Blöd nur, dass jetzt Maik meistens den Frust vom Alten ab bekam. Da half nur eines: weg laufen. Smart schwarz zum Alex fahren und dort gepflegt abhängen. Abends erst nach zehn zuhause aufschlagen, da lag der Alte dann schon im eigenen Saft.
Maik vertrug nun – er war 15 – einen ordentlichen Stiefel. Er lebte von Bier und Chips, er dröhnte sich mit Korn zu und ging bei den Kiffern und Drückern in die Lehre. Nichts, was er nicht ausprobiert hätte:
- Opium. Chrystal Meth. Koks. Mandrax. Valium. Lithium. Upper. Downer. Captagon. Schwarzer Afghane. Roter Libanese. Hoomgrown. Exstacy. MDMA. Codein. Methadon. Amphis. Sniffer-Kram. Speed. Novokain…
Die ganze Apotheke. Alles, was törnte.
Mit den Drogen konnte es Maik gut. Da dosierte er sich klug in den Grenzbereich hinein und behielt die Action einigermaßen unter Kontrolle.
Er hatte sich einen schicken Irokesenschnitt zugelegt. In der Unterlippe baumelte ein Ring, die Waden waren beidseits tätowiert. Maik war auf dem besten Weg, erwachsen zu werden. Gevögelt hatte er des Öfteren, es hatte nicht sehr viel Spaß gemacht, aber nun hatte er es hinter sich. In der Clique am Alex schätzten sie ihn wegen seiner Geselligkeit – mit dem Maik hatte man den größten Jux, bis ihm der Stoff den Boden unter den Beinen weg zog.
Nur die Nachbarn vom Alten konnten nicht auf den Maik. Die schwärzten den jungen Mann ein ums andere Mal an. Dann standen wieder die Bullen oder die Sozialfuzzis vor der Tür und stellten bekloppte Fragen.
Zweimal nahmen sie ihn mit – er sollte sich im Heim bessern. Zweimal durfte er nach einer Weile wieder nach Hause. Dann sagten sie auf einmal, ihre Geduld hätte ein Ende. Ab ins Heim, auf ein Neues! Geschenkt! Das kannte er.
Maik wurde 18. Jetzt konnte ihm keiner mehr was. Seine Wohnungen waren der Alex und ein Abrisshaus in Rummelsburg. Er trank, drogte, hing rum, haute sich, klaute ein bisschen, Maik wurde schmaler und schmaler. Nach dem Aufwachen brauchte er einen ordentlichen Schluck gegen das Zittern (Goldene Regel: In der Bottel neben dem Schlafsack sollte tunlichst über Nacht eine rettende Reserve übrig sein). Seine Kleidung stank, nie war Maik ohne eine schwärende Verletzung.
Die Menschen machten einen Bogen um ihn. Er hatte gegen das Leben verloren.
Da traf er auf Sophie.
Er sah auf ihre Hand, die er hielt. Sophie war sein Wunder. Maik blickte durch den Park. Er beugte sich zum Boden, rupfte einen Grashalm aus und roch daran.
„Wir schaffen das“, sagte er.
„Ja“, sagte sie. „Wir schaffen das.“
Das Radio des Nachbarn plärrte. Hertha hatte ein Tor geschossen. Noch so ein Wunder.
„Wir müssen das schaffen“, sagte Maik.
„Klar. Werden wir.“
„Wollen wir gehen?“
„Ja.“ Sie standen auf und zogen los. Maik sah sich noch einmal um – hatten sie auch nichts vergessen?
Nee. Alles paletti. Die Bank war bereit für das nächste Menschen-Schicksal. Es war eine gute Bank.
