SORRY, ALTER!
sommer zwanzichfuffzehn XXVII
Der Bayer saß auf der Nachbarbank und hielt einen Monolog über die Heimtücke der Bullerei. Sein Trachtenhemd, ehmals weiß, starrte vor Dreck, die langen Haare waren ölig, rasiert hatte sich der Bayer längere Zeit nicht mehr. Er schimpfte, er war wirklich zornig.
Hatten ihn doch die Polizisten am helllichten Vormittag auf der Joachimsthaler angehalten und seine Papiere sehen wollen. Ja, wo, bitteschön, hätte er die her zaubern sollen? Aus der Lederhose (da steckte ein Hirschfänger im Futteral auf der Hüfte) oder aus dem taschenfreien Hemd? Und überhaupt: Was bildeten die sich ein, ihn am Vormittag mitten in Charlottenburg zu belästigen?
Krohn fragte Bruno: „Schimpft er immer so?“
„Ja, eigentlich schon. Aber das ist kein richtiges Schimpfen. Gerade, wenn er sich wohl fühlt, erzählt er allen, wie schlecht es ihm geht. Nie kann man ihm etwas recht machen. Aber er ist ein guter Typ. Wenn Du was brauchst, ist er immer für Dich da.“
Bruno schwieg, hing seinen Erinnerungen an Clint, seinen toten Hund, nach. Dann schreckte er auf und meinte: „Wenn er nicht gerade weg ist.“
Wie er das meine?
Nun ja, der Bayer wurde regelmäßig vom Heimweh geplagt. Dann machte er sich auf den Weg in den Süden. Geld hatte er nicht. Weil er eher ungepflegt war, wollte ihn niemand mitnehmen. Also marschierte der Bayer zu Fuß los.
Mit wechselndem Erfolg.
Einmal – das war schon ein paar Jahre her – hatte er es bis nach Kronach geschafft. Damals hatten sich die Glücksfälle gehäuft. In Teltow hatte er einen Fünf-Tage-Job gefunden, nach dem ihm genug Kohle für eine Bahnkarte nach Saalfeld übrig geblieben war. Dort hatte er beim Entrümpeln eines alten Gasthofs geholfen. Zu Fuß war er anschließend durch den Thüringer Wald marschiert. Es war ein wundervoller heißer, wein- und naturseliger Sommer gewesen, der Bayer hatte in Bushäuschen, vor Forsthütten und manchmal auf einer trockenen Wiese unter freiem Himmel übernachtet. Als er aber in Kronach ankam, war er fast blank. Es reichte noch für einen Granatenrausch in der Innenstadt, wo er ein wenig randalierte und die Bullen ihn eine Nacht lang einkastelten. Am nächsten Morgen erklärte er, er sei aus Berlin und habe kein Geld mehr für die Rückfahrt, da verschafften sie ihm eine Freifahrt mit dem nächsten Intercity. Nur raus aus der Stadt mit dem Tunichtgut.
Und, schwuppdiwupp, stand er wieder vor dem Hauptbahnhof, taperte unsicher (das Restgeld hatte noch für eine nette Zeit im Bordbistro gereicht) über die Brücke, bog nach links ab, schlurfte 150 Meter an der Spree lang und sah sie auch schon. Alle da: Bruno, Clint, Theresa, die ganze Clique. Er hatte seine Siebensachen auf eine freie Bank geschmissen und verkündet: „Da bin ich wieder!“
Großartig, hatten alle gemeint. Das musste gefeiert werden.
Andere Ausflüge hatten früher geendet. Mal hatte es der Bayer bis zur Stadtgrenze geschafft. Bis nach Rudow oder so. Da hatte er noch einmal ordentlich am Kiosk bei der U-Bahn-Endstation getankt und war – am frühen Nachmittag meistens – in Richtung Süden aufgebrochen. Aber dann hatte er die letzten Hochhäuser hinter sich und nur noch weite Äcker und versprengte Dörfer vor Augen. Das war alles so mühsam gewesen. Er war bald stehen geblieben und hatte begonnen nachzudenken. War umgekehrt. Sehr dehydriert am Kiosk an der Endstation angelandet. Hatte sich ein paar Getränke organisiert und war in die Stadt zurück gefahren. Abends machten ihm die Freunde Platz und ließen sich aus der weiten Welt berichten. Er hatte immer schöne Erzählungen zum Besten gegeben. Da hatte man sich so schön gruseln können. Und einen guten Grund für eine spontane Fete gehabt.
Ja, sagte Bruno, dieser Bayer, der war eine Bereicherung für die Gruppe. Er kramte eine Flasche Gin aus dem Rucksack. Er ließ die Buddel rum gehen. Hans Krohn nahm einen ordentlichen Schluck und kämpfte das Würgen im Hals nieder. Das war echt übler Fusel. Bruno trank, in großen durstigen Schlucken. Er setzte ab, wischte sich über die Lippen und meinte: „Gleich geht es besser.“
Krohn sah ihn fragend an.
„Naja, ich hab’ Dir das Foto von Clint gezeigt. Abends ist es am schlimmsten. Um die Zeit hat er an meiner Bank gepennt, aber er hat auch im Schlaf immer auf mich aufgepasst. Ohne Clint bin ich nur halb.“ Bruno setzte die Flasche wieder an.
Wie es denn passiert sei?
„Hinten am Friedensengel wollten wir über die Straße. Es ist Grün geworden, und ich hab’ gesagt, jetzt kann er laufen. Dann ist er immer los wie ein Gesengter. Er auf die Straße, aber so ein Arsch musste noch bei Rot rüber und hat Clint voll erwischt. Der ist durch die Luft geflogen, hat sich überschlagen. Ich zu ihm hin, da hat er auf der Straße gelegen und so ein bisschen gewedelt. Als ob er sagen wollte, ,tut mir leid, Alter’. Ich wollte ihn aufheben, aber da war er schon wieder auf den Beinen. Er hat einen Fuß nach gezogen, nichts weiter.“
Und?
„Nichts und! Er ist allein zurück zu unserer Bank. Abends hat er nicht gefressen und dann ist er einfach nicht mehr aufgestanden. Ich hab’ die tollsten Sachen organisiert, ich habe nichts getrunken. Am dritten Tag habe ich ihn in den Rucksack gepackt und bin zum nächsten Tierarzt gedackelt. Der hat erstmal gefragt, ob ich zahlen kann. Konnte ich natürlich nicht. Er hat sich Clint dann trotzdem angesehen. Dann hat er gesagt, da kann man nichts machen, wegen der inneren Verletzungen. Er hat ihn eingeschläfert, war ja nur noch eine Plagerei für Clint. Ich kann Dir sagen, das war das Beschissenste, was mir passiert ist in meinem Leben. Der Hund hat da gelegen, ganz still, der hatte so eine Beruhigungstablette gekriegt. Lag da und guckte mich an. Die ganze Zeit hat er mich angeguckt, während der Arzt die Spritze fertig machte. Dann hat er ihm die Nadel rein gemacht. Und Clint hat keinen Zucker getan. Nur angeguckt hat er mich. ,Alter, sei nicht traurig’, das hat er wohl sagen wollen. Dann hat er ein bisschen nach Luft geschnappt und nicht mehr geguckt. Mann, hab’ ich geheult. Die Sprechstundenhilfe hat mir eine Decke gegeben, da haben wir Clint rein gewickelt. Ich bin hierher. Einer von den Straßenkehrern hat uns über Nacht ’ne Schaufel geliehen, und wir haben in der Nacht im Tiergarten eine echt schöne Beerdigung für den Clint gemacht. Die nächsten zwei Tage habe ich nicht mehr auf dem Schirm – die Kumpels haben gesagt, ich hätte gesoffen, als ob ich mich tot machen wollte. Hat ja nicht geklappt, wie Du siehst. Eigentlich schade.“
An diesem Abend übernachtete Krohn auf einer Bank an der Spree. Goran hatte gemeint, er sei zu voll zum Gehen. Er hatte ihm einen Platz neben sich frei gemacht.
Klar, Hans Krohn war voll. Aber dass Gorans Angebot wie ein Ritterschlag war, schnallte er schon noch.
Eine Ausnahme war diese Übernachtung unter der Brücke dennoch. Hans Krohn empfand das als anstrengend: das Feiern bis ins Vergessen hinein. Der traumlose Schlaf. Die ersten Geräusche des Morgens, Radfahrer, das Hecheln und Trappeln der Jogger, das anschwellende Summen und Hupen und kakophonische Getriebe der Stadt. Das zähe Öffnen der schweren verklumpten Lider. Die unangenehme Helle. Das Schnarchen des Nachbarn auf der nächsten Bank. Der faule Geschmack im Mund.
Das war nicht er. Krohn besuchte Bruno und seine Leute regelmäßig – er trank mit ihnen und hatte eine gute Zeit. Und wenn die harten Runden eingeläutet wurden, verabschiedete er sich. Marschierte durch den Tiergarten und durch Schöneberg in seine kleine Wohnung. Er duschte, putzte die Zähne, schlüpfte ins Bett und schlief aus. Am nächsten Vormittag schluckte er eine Aspirin und arbeitete weiter am „Comeback“.
Er wollte noch nicht aufgeben. Ließ die Demütigungen auf dem Arbeitsamt über sich ergehen. Er nahm jeden Job an. Und wenn er Zeit hatte, suchte er nach der Geschichte, die ihn wieder nach oben katapultieren würde. Hans Krohn, der früher First Class geflogen war, in Fünf-Sterne-Häusern übernachtet und sich nicht um teure Spesen geschert hatte, fuhr nun mit der U-Bahn zum Job, pennte – wenn nötig – im Schlafsack und ernährte sich von Döner und Stullen.
Er war viel unterwegs. Nichts machte ihm mehr Angst. Krohn recherchierte die Geschichte eines Knackis, der unschuldig saß. Er traf auf den Bruder einer berühmten Schlagersängerin, deren plötzlicher Tod nie ganz aufgeklärt worden war. Hans Krohn machte sich an eine abgetakelte Blonde heran, die einmal in Hollywood wunderbare Rollen bekommen hatte und jetzt langsam bei lebendigem Leib starb.
Und er lernte „Menschen auf Bänken“ kennen. Manchmal waren die Bänke Orte der Hoffnung und der Liebe, manchmal waren es nur noch Endstationen des Lebens. Hans Krohn setzte sich zu den Menschen und hörte ihnen zu. Je mehr er erfuhr, desto nachsichtiger war er mit sich und seinem Leben.

