HEIMAT
sommer zwanzichfuffzehn VI
Halt mal! In der einen Hand hatte Matuschke eine Schnapsflasche (Beluga Noble Vodka, immerhin, Respekt!) – und unter den linken Arm hatte er einen Apple geklemmt. Mit seinem alten Freund im Schlepptau näherte er sich Hans Krohn. Er machte eine vage Handbewegung.
“Da hinten ist eine Bank. Komm, mein Freund.”
Eugen Matuschke wies auf die Bank mit der wackligen Lehne. Der alte Mann und Krohn setzten sich, Matuschke blieb stehen, nahm einen Schluck, reichte sie seinem Freund. Der trank durstig, Krohn wollte nicht. Na gut, dann eben nicht.
“Ich habe Dir doch gesagt, dass meine Leute aus Ostpreussen sind. Ja, das sind wir. Wir sind bekannt für unsere Dickschädel. Vor allem mein Vater hat einen Dickschädel gehabt. Ein Bein zu wenig, aber einen Kopf wie Holz.”
“Wo in Ostpreussen sind Sie geboren?”
“Du wirst mich nicht stören, ich mag das nicht. Du wirst einfach nur gut zuhören. Bist Du der Strittmatter oder nicht? Glaubst Du, der hätte schreiben können, wenn er dauernd gequatscht hätte? Also: Ohren auf!”
Krohn sagte nichts. Das war nicht der erste Interviewpartner, der einen an der Klatsche hatte. Die musste man reden lassen, sonst kriegte man nichts aus ihnen raus.
Eugen Matuschke hatte eine unangenehme Art zu reden. Er modulierte nicht. Sein Singsang ging einem schnell auf den Zeiger. Aber Achtung! Matuschke ließ beim Vortrag den Gegenüber nicht aus den Augen. Er griff mit bösem Blick an. “Mein Freund” sagte er, und es klang wie eine Drohung. Matuschke machte allen Vorwürfe. Er erklärte, dass alle schlecht seien, schlecht und undankbar. “Damals, zu meiner Zeit”, sagte er, “damals konnte man sich noch freuen, mein Lieber. Merk’ Dir: Freuen kann man sich nur, wenn man in Not ist.”
Er trank zügig, aber er wurde nicht besoffen. Nur die Augen röteten sich.
Nein, er war nicht in Ostpreussen geboren
“Ich habe Dir etwas mitgebracht. Wir schauen uns jetzt Filme über meine Heimat an. Dann verstehst Du mich. Ist schon klar, was Du jetzt sagen willst. Ich bin hier in Brandenburg geboren…
Aber die Heimat ist Ostpreussen. Mein Vater hat es aus dem Krieg nicht mehr nach Hause geschafft, weil es kein Zuhause mehr gegeben hat. Die Mutter ist mit dem Rest der Familie hierher – jeder hat gerade mal so viel dabei gehabt, wie er tragen konnte. Der Krieg, der Hitler, der Ami, die Russen haben meiner Familie alles weg genommen. Wir hatten ein großes Haus am Marktplatz, meine Eltern waren geachtete Leute in Elbing. Der Vater, mit dem sich keiner angelegt hat, wegen seinem Dickkopf und so. Und die Mutter, das war eine Geschäftsfrau, der keiner was vor machte.
Meine Geschwister sind in Elbing geboren, die Schwester war in der Vierten, als der Krieg zu Ende ging. Mich haben die Eltern hier in Brandenburg gemacht.
Aber deswegen bin ich doch keiner von den Schwachköpfen hier. Mein Blut ist ostpreussisch, ich bin da stolz drauf.”
Matuschke nahm einen Schluck.
“Schau, vor ein paar Jahren habe ich mir das mit dem Internet beibringen lassen. Jetzt kann ich immer die Filme über die Heimat anschauen. Ich zeige sie Dir.”
Er schaltete den Computer ein. Setzte sich zu seinem Freund und zu Hans Krohn. Der Freund war sehr müde, er hatte obendrein die Filme schon hunderte Male gesehen.
Es waren Bilder aus einer verschwundenen Welt. Die Musik kam von Wagner. Die Sprecher schwelgten in deutschem Basstum.
Elbing.
Vorspann:
“Die Stadt wurde im Jahre 1237 in Pogesanien, damals Teil des Deutschordenslandes, nahe dem altpreussischen Handelsort Truso an der Bernsteinstraße gegründet. Diesen Ort Truso am Flusse Ilfing erwähnt schon der angelsächsische Reisende Wulfstan im Jahre 900. 1241 erhielt Elbing das Stadtrecht nach Lübischem Recht.”









Die Show war zu Ende. Matuschke schloss das Programm.
“Haste gelesen, was da zum Schluss gestanden hat?”, wollte er wissen.
Hans Krohn erinnerte sich. Doch er schüttelte den Kopf. Matuschke blickte ihn zornig an.
“Dann sage ich es Dir noch einmal. Ich kann es auswendig. Das sollte man jedem Deutschen einbläuen:
“In Gedenken an alle deutschen Einwohner, die aus dieser Stadt vertrieben, entrechtet oder ermordet wurden.
In Liebe zu Westpreussen und zum Wahren Ostdeutschland.”
Das ist ja der tiefste braune Sumpf, in den ich je getappt bin, dachte Krohn. Ihm war schlecht. Der Tod von Wolf Gremm, der Nazi-Schlick, der stinkende, trinkende Matuschke – das war ein bisschen viel.
“Also”, erklärte Hans Krohn, “ich muss dann mal. Habe noch einen ganz schönen Weg.”
“Nein!”
Eugen Matuschke sagte das ganz ruhig.
“Nein.”
Er trank. Sein alter Freund war eingeschlafen.
“Du hast wissen wollen, was hier vor sich geht. Also gut, ich erzähle es Dir. Du bleibst sitzen. Denn jetzt kommt die Geschichte. Du hast meine Maschinen fotografiert. Ich werde Dir von den Maschinen erzählen.”
Krohn suchte nach einer Antwort.
Ihm fiel keine ein.
“Von den Maschinen erzähle ich Dir. Und von der DDR und dem ganzen Beschiss. Und von der Treuhand. Und von der Merkel. Und dem ganzen Über-Beschiss.”
Böses Lachen.
15. juli 2015
