ZAKLATE, HEJ!
berlin, 16. februar 2015
“Sputnik” hockt in der Steinmetzstraße und friert. Es ist halb elf Uhr vormittags, die Sonne kämpft noch gegen eine eisig-graue Wolkendecke. Nicht nur “Sputnik” – Berlin friert auch. Es ist kein Wetter, bei dem man einen Hund vor die Tür schickt. Das Rauschen des Verkehrs ist weit weg, aus einer Hochhauswohnung dringt ein “Tätää! Tätää! Tätää!” durch einen Fensterspalt.
Rosenmontag.

Helau! Alaaf! Huu huu huu! Radi-radi! Hei-jo! Hä-hopp! Hummel-hummel, mors-mors! Sorabija – haleluja, Sorabija – haleluja, Zaklate – fufcich, Zaklate – fufcich, Hej!
Man muss sie jetzt lassen, die Menschen.
In Berlin hat man ja eigentlich seine Ruhe. Die Steinmetzstraße ist verwaist und windig, irgendwann wird ein kleines angemaltes Mädchen von seiner Mama in Richtung Yorckstraße gezerrt. Dann treiben nur noch braune Blätter und Kaffeebecher über den Asphalt.

“Sputniks” Weg führt zur “Bülowkneipe”. Laut ist es dort zwar, aber schön warm. Frauen und Männer riechen nach Alkohol und benehmen sich ungebärdig. Die nette Transe hat sich heute verkleidet und geht als ungepflegter Mann. Aber sie ist ansonsten so liebenswürdig wie immer und füttert “Sputnik” mit Leckerlis, die sie immer bei sich trägt.
Der Hund lässt sich versorgen, bis die maskierte Transe mit den leeren Händen wedelt und kräht: “Aus. Alle. Hab‘ nix mehr.”
Daraufhin legt sich “Sputnik” zufrieden unter den Tisch und lässt die Trinker oben lärmen, wie sie wollen.

Später geht es weiter zu einem ungepflegten Nollendorfplatz (beim “Kaiser” zerrt ein Mops hechelnd an der Vertäuung), durch eine belebte Maaßenstraße (links eine Pudelin, rechts was interessantes Kleines), über den Winterfeldtplatz (in der Mitte zwei Menschen, die Sekt am Morgen, keine Sorgen und Nasen aus roter Pappe haben). Im Kleistpark ist alles beim Alten.
Aber kalt ist es, echt kalt.
Endlich wieder zuhause. Die Wohnungstür schließt sich. “Sputnik” stakst zu der warmen Decke vorm Fernseher. Er schnieft kurz, lässt die Beine weg knicken. Liegt da.
Der Fernseher wird angeknipst, das Radio eingeschaltet. Da hört man dann jemanden erzählen:
“Rainer Minz ist Senior Partner bei der Unternehmensberatung Boston Consulting. Er ist verantwortlich für die Studie ,Gesellschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung des Kölner Karnevals‘ und erklärt:
,Wir haben in Köln eine ganze Karnevalssession von Anfang Januar bis Aschermittwoch begleitet und sind dabei zu einem Ergebnis von rund 460 Millionen Euro gekommen, das sich aus drei wesentlichen Säulen in etwa gleichgewichtig zusammensetzt. Das eine ist der Sitzungskarneval von den zahlreichen Gesellschaften und ihren Veranstaltungen, das Zweite ist der Straßenkarneval, also Rosenmontagszug, Veedelszüge, et cetera. Und das dritte sind alle möglichen Accessoires und sonstigen Dinge, Kostüme, Fahrten, Transportmittel, Friseur, et cetera.‘
Neben der Wirtschaftskraft von fast einer halben Milliarde Euro, wird durch den Karneval der Erhalt von circa 5000 Arbeitsplätzen in der Region unterstützt, der Beitrag zum Gewerbesteueraufkommen der Stadt Köln beläuft sich auf vier bis fünf Millionen Euro.”

Im Fernsehen schmeißen bunte Menschen mit Süßwaren um sich, die Musik ist laut und blechern. Moritz Küpper lässt im Deutschlandfunk noch einmal Herrn Minz zu Wort kommen:
“Karneval hat natürlich auch ein paar unangenehme Nebenwirkungen. Die Arbeitsproduktivität, die geht runter. Es fallen schlichtweg zwei Tage aus. Danach gibt es mehr Krankheit. Kann man auch alles versuchen, mal hart zu rechnen, aber ich glaube, summa summarum kommt man da zu einem positiven Ergebnis.”
Tätää! Tätää! Tätää!
Für Hundeohren klingt das laut und sehr ordinär.
Egal. Die Menschen wollen über die Stränge schlagen?
Sollen’se.
