VERTUSCHEN
TANZ DER VIREN
9. Juni
Anruf bei Erich Mocanu, dem Mann, der die Spargel-Krise des schwäbischen Großbauern ins Rollen gebracht hat. Er hat bei der Bundespolizei und beim Gesundheitsamt angerufen und Missstände zur Anzeige gebracht. Jetzt ist die Ernte eingestellt, die Verkaufsstände sind vernagelt, der Bauer lässt sich anwaltlich vertreten.
Mocanu hat eine tiefe kämpferische Stimme, er formuliert unaufgeregt und beherrscht. Ja, ihn hätten Landsleute angerufen und über Erntehelfer berichtet, die sich in Vielzahl angesteckt hatten.
„Das war ein Wespennest. Niemand wollte hören, was ich sagte. Ich bin auf viel Aggressivität gestoßen. Und ich habe gespürt, dass ich es mit einer mächtigen Lobby zu tun habe. Die sind fast so einflussreich wie die Pharma-Leute.“
Man hat Mocanu deutlich gemacht, dass er sehr vorsichtig mit seinen Behauptungen sein solle. Ansonsten: Anwalt!
Was denn die Schwaben so nervös mache?
„Naja, meine Leute haben mir zwei Dinge erzählt. Zuerst hat es angeblich einen Vorarbeiter erwischt. Das ist vor knapp drei Wochen gewesen. Er hat gehustet, Kopfweh und Fieber sind dazu gekommen. Der Mann war schon öfter auf diesem Hof gewesen, ein guter Arbeiter, der sich vor keinem Job drückt. Er ist zu einem der Chefs gegangen und hat gesagt, er kann nicht mehr aufs Feld. Da hat man schnell einen Aufhebungsvertrag gemacht und ihn in die Heimat zurück bringen lassen.
Nicht viel später sind noch einmal angeblich 90 Leute entlassen und nach Hause geschickt worden. Und keiner hat drüber ein Wort verloren. Von denen spricht kein Anwalt.“
Was er jetzt tun wolle?
Mocanu räuspert sich. Er hat telefoniert, er ist aktiv geworden. Jetzt hält er lieber die Füße still. Die Lobby – alles klar?
Nachmittags ein Anruf beim Augsburger Anwalt der Spargelbauern. Herrische Stimme. Für wen man das alles wissen wolle, was man da frage, ob das Stoff für ein Buch sei?
Man wolle nur die Fakten checken. Am Morgen habe man ein Feld zwischen Haimhausen und Ampermoching fotografiert, auf dem der Spargel verrotte.
„Und? Was wollen Sie wissen?”
Nur fragen, ob das Feld von seinem Mandanten bewirtschaftet worden sei.
„Das kann ich Ihnen nicht sagen. Da muss ich nachsehen. Außerdem ist alles in der Presseerklärung gesagt. Geben Sie mir Ihre mail-Adresse, ich melde mich. Auf Wiederhören.“
Freundlich klingt das nicht.
Zwei Stunden drauf die Mail:
Sehr geehrter Herr Vetten,
unsere Kanzlei vertritt anwaltlich die Interessen der Lohner Agrar GmbH. Wir beziehen uns auf Ihre telefonische Anfrage vom 09.06.2020. Sie haben nachgefragt, ob ein „aufgelassenes Spargelfeld“ zwischen Heimhausen und Ampermoding, welches von Ihrer Frau in den zurückliegenden Tagen fotografiert wurde, sich im Eigentum der Lohner Agrar GmbH befindet. In der von Ihnen bezeichneten Gegend besitzt unsere Mandantin zwar Anbauflächen; aufgrund der ungenauen Ortsangaben und der Tatsache, dass derzeit auch Felder anderer Spargelbauern bereits aufgelassen sind, kann aber nicht festgestellt werden, ob das konkrete Feld der Lohner Agrar GmbH gehört. Wir bitten um Verständnis, dass dies derzeit mit vertretbarem Aufwand auch nicht zu ermitteln ist.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Dirk Hermann Voß
Rechtsanwalt
