“UNS EGAL”
TANZ DER VIREN II
Geschlossene.
Raucherzimmer, die Luft quillt. Es ist Nachmittag, draußen scheint die Sonne, der Pfleger hat gesagt, der Wind pfeift schneidig, bald wird es wieder schneien, der Winter wird sich hinziehen, und außerdem hat Frau Merkel gesagt, bis Ostern ist nichts normal, das soll man sich hinter die Ohren schreiben.
Der Pfleger muss es wissen, der muss schließlich nach der Schicht raus in die Welt. Die arme Sau!
JEREMY: Draußen ist ganz schön was los.
LINA: Mir wurscht.
FRANZ: Ich weiß gar nicht, wie. Oder was. Oder überhaupt…
LINA: Is ja eh. Und wenn ich es recht bedenk’,…
DER RADIO: Ministerpräsident Söder…
FRANZ: Was ist das denn wieder für ein Schmarrn?
JERMEMY: Wir haben es gut hier drinnen.
FRANZ: Eh. Bei uns ist die Luft sauber. (Er hustet)
DER RADIO (jetzt kommt die Stimme des Ministerpräsidenten aus dem Lautsprecher): Die Lage ist ernst. Sehr ernst. Bleiben Sie zuhause, laden Sie niemanden ein. Gehen Sie spazieren – alleine. Am Ende bleibt nur die bayernweite Ausgangssperre. Wenn es keine Unterstützung gibt, dann müssen wir handeln. Wir wollen nicht wie Portugal sein.
JEREMY: Echt komisch, der Mann. Ob er das glaubt, was er da verzapft?
LINA: Auf den lass‘ ich nichts kommen. Der weiß, was er tut.
FRANZ: Uns kann das doch egal sein.
JEREMY: Nicht ganz. Mich lassen sie nicht mehr zum Laufen naus. Wen soll ich denn anstecken, wenn ich da draußen im Wald bin?
FRANZ: Ich habe mich eh gefragt, was das ist mit Deiner Rennerei.
JEREMY: Es tut mir gut. Ich mach’ meine Runden und denke, alles wird wieder gut.
LINA: Wie? Du darfst doch gar nicht vom Gelände weg.
JEREMY: Ist nicht nötig. Ich laufe immer an der Mauer entlang. Hinterm Café vorbei. Um die Burg rum. Dann kommen die Wirtschaftsgebäude und ein kleiner Wald. Ist eine schöne Runde.
JOSEF (er ist neu in der Geschlossenen. Vor vier Tagen haben sie ihn gebracht. Jetzt hat er den ersten Entzug hinter sich, ist aber noch nicht rasiert und ziemlich ramponiert): Was ist das? Die „Burg“?
FRANZ: Wenn Du spazieren darfst, musst Du es Dir anschauen. In der „Burg“ sperren sie die Unverbesserlichen weg. Man hört nichts, wenn man am Haus vorbei geht. Stacheldrahtzaun rundrum. Manchmal steht einer von denen in der Sonne und raucht. Total blass sind die. Und gefährlich.
LINA: Ich hab‘ gehört, da gibt es welche, die gar nicht mehr raus dürfen. Denen schiebt man das Essen unterm Gitter durch.
FRANZ: Darfst nicht alles glauben, was Du hörst. Mal was Anderes: Josef, wie bist Du denn her gekommen?
JOSEF: Ach. Blöd gelaufen ist das. Aber mir ist es ganz recht. Bin ich erst mal weg.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
