STREICHELEINHEIT
6. märz 2017 —— DER NEUE, Tag 46
New York, 1980
Ich kannte Janes Busen besser als den meiner Mutter. Man hat ja nicht drüber geredet, aber ich bin sicher, dass sie mich nicht gestillt hat. Das war nicht ihr Ding. Und zum Trösten hatte sie auch wenig Zeit.
Blieb Jane.
Sie kam aus Schottland – wie meine Mutter. Jane hat oft von ihren Leuten und ihrer Heimat erzählt. Sie war in Glasgow aufgewachsen, die Mutter war tapfer gewesen und hatte sieben Kinder durchgebracht. Der Vater hatte nur samstags und vor Feiertagen gesoffen, war pünktlich aus dem Pub zum Abendessen nach Hause gekommen.
Jane hat sich oft nach Glasgow zurück gesehnt. Wenn ich bedrückt und in der Nähe war, hat sie mich in die Arme genommen und mich gewiegt wie eine Puppe.
Ich habe das gemocht, von der Mutter und vom Vater kam eine solche Nähe nicht.
Mutter sah ich morgens, da saß sie dem Frühstückstisch vor. Sie aß nicht viel, nach einer Weile ließ sie Jane kommen und erklärte ihr das Tagesprogramm. Aufträge für den Gärtner und den Hausmeister, Sonderaufgaben („Heute machst Du die Bibliothek, wir haben morgen Besuch, da will ich nix hören!“), erzieherische Maßnahmen („Der Fred ist so blass, Ihr geht in den nächsten Tagen mehr an die Luft“), Allgemeines („Mein Mann und ich sind heute Abend nicht im Haus, bringst Du die Maryan und den Fred ins Bett, um acht ist das Licht aus“).
Aufgaben delegiert.
Mutter weg.
Oft habe ich sie den ganzen Tag nicht mehr gesehen. Das Radfahren hat mir Jane gezeigt. Als ich vom Baum vor dem Haus fiel, brachte mich Jane in die Klinik. Jane hat mir gezeigt, wie man einen Elefanten zeichnet, den wir im Zoo gesehen hatten. Jane hat mich getröstet, Mädchen seien manchmal doof, dann müsse man sie in Ruhe lassen, sie könnten aber auch sehr nett sein…
Jan. Jane. Jane.
Meine Erziehung zum jungen Mann hat der Vater an den Wochenenden übernommen.
Das war klasse.
Außer wenn er die Lektionen auf seinen Baustellen abhielt. Das habe ich nicht gemocht. Da ist es um die Arbeit des Vaters gegangen. Und ums Geldverdienen. Und ums Sparen. Und ums Besser-Sein.
„Du musst gewinnen“, hat der Vater gesagt. „Wenn Du nicht gewinnst, dann machen’s die Anderen.“
Ich erinnere mich an die Besuche der Baustellen – und heute weiß ich: Das war Gehirnwäsche. Ich sollte sein wie der Vater. Später mal mit einem Schnauzer im hageren Gesicht. Ein Mann mit Misstrauen gegen das Ungeplante, mit einer Abneigung gegen Humor. Jemand, der sich aufs Sparen versteht, und der Geiz für eine Tugend hält. Einer, der freundlich zu seinen Arbeitern ist – solange sie ihren Job klaglos erledigen und solange sie nicht über Geld reden, das ihnen angeblich zustünde. Einer, der keine falschen Gefühle aufkommen lässt. Wer nicht spurt, fliegt. Wer kein Geld bringt, fliegt. Wer widerspricht, hat nichts mehr zu sagen.
Mein Vater war ein Unberührbarer. So einer sollte ich auch werden.
Ich war so klein. Wollte es dem Vater recht machen. Wollte das lernen, was er mir da beibrachte.
Aber ich schnallte es nicht, ich konnte es nicht, es war nicht in Ordnung.
Maryan, meine ältere Schwester, war da so anders. Sie tat, was man von ihr erwartete. Sie wurde abends getätschelt und lächelte verlogen, wenn die Mutter sagte: „So ist es recht, Schätzelchen, das hast Du gut gemacht.“
Dann drehte Maryan sich auf der Fußsohle und tippelte zu ihrem Zimmer. Für mich hatte sie diesen Siehste-ich-hab-schon-wieder-gewonnen-Blick.
Getätschelt-Werden war für mich ganz selten drin. Mutter sagte: „Fred, Du putzt Dir die Zähne, und dann marsch ins Bett.“
Der Vater – wenn er denn im Raum war – sah von der Zeitung auf und nickte mir zu. Ernst und prüfend. Der Schnauzer nickte mit.
Ich taperte den Gang zur großen Treppe und hörte die Eltern murmeln. Sie sprachen übers Geschäft, über die nächsten Baustellen, über die vielen Dollars, die sie in Queens aufklauben würden, sie sprachen über den verdammten Krieg, der ihnen das Business verhagelte, Monate später redeten sie mit erhobener Stimme über den Sieg gegen die Nazis, noch später sprachen sie mit Freude über das Ende des Kriegs und darüber, dass die ganzen Veteranen nun Häuser brauchten und der Staat die Häuser bezahlen würde und dass sie – Fred und Mary Anne – das Geld nur noch einzusammeln brauchten.
Das waren die Themen für meine Eltern, wenn die Kinder ins Bett gingen.
Ach – getätschelt wurde ich doch noch jeden Abend. Jane, das Mädchen, witschte in mein Zimmer, strubbelte mir mit der Hand durchs Haar und sagte:
„Du machst es gut, Fred. Weiter so. Lass uns was beten.“
Morgen: Geburt des Monsters
