FUSION
5. märz 2017 ——– DER NEUE, Tag 45
New York 1980
Der Vater hat, da widerspricht er nicht, seine spätere Frau im „Savoy Ballroom“ zum ersten Mal getroffen.
Ich habe ihn mal gefragt – ich war 20 und traute mich das, denn ich wollte wissen, wer mein Vater ist, deswegen fragte ich solche Sachen -, was ihn denn in diesen „Ballroom“ verschlagen hatte. Er sei doch nicht der Typ für solche Lokale gewesen, oder?
Nein, war er nicht. Er hatte viel zu viel Arbeit.
Mein Großvater ist früh gestorben. 1918 hat ihn die Spanische Grippe zerlegt, da war er 49. Der Vater musste übernehmen, hat mit meiner Großmutter ein Immobilien-Unternehmen hoch gezogen. In Queens haben sie den Menschen nette Wohnungen verkauft. Das waren keine üblen Klitschen, Villen waren’s auch nicht.
Grandma und Dad schauten nicht nach links und nach rechts. Sie bauten und verscherbelten Wohnungen, sie rissen sich Grundstücke unter den Nagel, sie hatten ein Heer billiger Arbeiter am Laufen.
Großvater hatte das erste Vermögen noch mit Puffs und üblen Kaschemmen gemacht, Fred T. mauserte sich zu einem „ehrenwerten“ Immobilien-Mann. „Ich habe keine Zeit zum Feiern gehabt“, hat er mir mal gesagt und gemeint, er würde mich damit beeindrucken. „Ich musste arbeiten, Tag und Nacht.“
Hat ihm letztendlich nicht viel genutzt. Der „Schwarze Freitag“ warf Fred T. aus der Bahn. Niemand wollte mehr eine Wohnung oder ein Haus in Queens. Vater war pleite.
Er hielt sich mit einem Gemischtwarenladen über Wasser.
Wartete geduldig wie eine Muräne.
Die dreißiger Jahre begannen. Allmählich tat sich wieder etwas auf dem Häusermarkt in Queens.
Und wer war wieder im Spiel?
Korrekt: Dad.
Vater trickste sich mit ein paar Insidergeschäften zu Aufträgen. Er war bekannt als einer, der vor dem Schmieren von Geschäftspartnern keine Scheu hatte. Vater fingerte lächelnd seine zwielichtigen Geschäfte.
Man wusste, dass es bei ihm nicht immer koscher zuging. Aber man ließ ihn machen. Fred T. ist einer von denen, die Queens groß machen, hieß es. Da darf er ruhig ein bisschen Schmu machen.
Obwohl er eigentlich hätte arbeiten müssen, ließ sich Fred T. von einem Geschäftspartner zu einem Ausflug nach Harlem überreden.
Da standen sie in diesem Getriebe junger Menschen, die nur das Feiern im Sinn hatten.
Ich bin sicher, dass Vater sich nicht wohl gefühlt hat. Wenn es ihm so geht, dann wird er ganz starr. Kerzengerade steht er da, wie festgemeißelt ist sein verbissenes Lächeln, das die Zähne frei legt. Er sieht ja nicht schlecht aus, ist schlank und hat einen Schnurrbart, den er liebevoll pflegt. Er trug auch an diesem Freitagabend im Savoy einen hellen Anzug mit Weste und einem unauffälligen Binder. Vater war ein seriöser junger Herr, keiner der wilden Eintänzer und Glücksritter.
Einer, wie ihn Mary Anne MacLeod wollte. Sie sprach ihn an, er stotterte ein bisschen. Sie redete, er nickte. Sie fragte ihn, was er mache – er erzählte, und es gefiel ihr.
Vater spendierte sich und Mary Anne die Drinks. Sie kam aus Schottland, Trinken fiel ihr nicht schwer, da hatte sie sich immer unter Kontrolle.
Fred selbst hatte der Alkohol während der Prohibition nie gefehlt. Er mochte es nicht, wenn ihm der Stoff das Denken irritierte. Jetzt pichelte er mit Mary Anne und fand es angenehm. Sie hatte die Bluse locker geknöpft, schöne Beine hatte sie, gut sah sie aus. Die junge Frau interessierte sich für seine Arbeit, er musste sich nichts Besonderes einfallen lassen, um sie zu beeindrucken.
Angeschickert verabredeten sie sich für einen Stadtbummel. Er zeigte ihr die Häuser, die er baute. Sie küsste ihn an einem späten Nachmittag vor einer Baustelle in der Dämmerung des späten Winters.
Er fuhr mit ihr in seinem „Chevrolet Master Six Convertible” in die Hamptons. Großzügig war er, unkompliziert war sie. Sie kamen als Ehepaar in einem stillen Hotel unter. Ganz unerfahren waren sie nicht, der Sex war okay.
Meine Mutter, glaube ich, funktioniert zufriedenstellend im Bett. Sie hat wohl ihre Kenntnisse, sie macht ihren Job gut.
Für Fred T. War alles in Ordnung. Er holte Mary Anne in sein Unternehmen, sie arbeitete sich in der Buchführung ein. Regelmäßig waren sie in den Hamptons. Kannten sich ein Jahr, da durfte Mary Anne bei den T.s in der Villa einziehen.
Es wurde rasch geheiratet. Flitterwochen in Atlantic City.
Geburt meiner Schwester ein knappes Jahr drauf.
Mich haben sie ein Jahr später gezeugt.
Unser Land war im Krieg. Meine Schwester wollte nach oben. Meine Eltern hatten ihre ersten Mafia-Freunde.
Und ich soll ein lächelndes, fröhliches Baby gewesen sein.
Ich habe ja nicht ahnen können, wie schief die Sache gehen würde.
Morgen: Kinderstube
