NO LIMITS
TANZ DER VIREN II
Nach der Hälfte der Strecke erst beginnt der Wettkampf -das hat sich Stäbler in seiner aktiven Zeit immer eingebläut. Wer nach 21 Kilometern bei einem Marathon schon einen müden Körper hat, ist im falschen Film.
Im Münchner Süden, bei Kilometer 22, dreht Martin nach links ab, läuft bis zur Isar und folgt ihr dann am linken Ufer, zurück in die Stadt. Der stramme Gegenwind stört, aber noch bringt er Stäbler nicht aus dem Rhythmus. Noch hält er das Tempo, und seine Gedanken haben Freigang.
Hier hat er gewohnt, als er studierte. Ein Zimmer im dritten Stock, 28 Quadratmeter, Kochnische, Dusche. Er fühlte sich reich und unbesiegbar.
Martin Stäbler: Die Schwaben-Provinz hatte er hinter sich gelassen, einmal im Vierteljahr besuchte er seine Leute (der Mutter brachte er Sachen mit, an denen sie rumnähen durfte; wenn er wieder nach München fuhr, war der VW voll gestopft mit Lebensmitteln, und der Vater steckte dem Sohn ein paar Hunderter zu) – er war in seiner Familie ein Held, der es in die Fremde geschafft hatte.
Martin Stäbler: Er ließ sich die Haare wachsen, bis sie auf die Schultern wallten. Einsachtzig war er, blond, mit schönen, weißen Zähnen und blauen Augen, die gut zur blonden Tolle passten. Ein Sportler mit einem gewinnenden Lachen. Kein Grübler. Einer, der gerne mit Freunden in den Biergarten und zum Bergsteigen ging
Martin Stäbler: Student der Betriebswirtschaft. Das war zäh und ungeliebt. Er machte seine Scheine und schrieb Arbeiten, er kam voran. Aber Stäbler hatte keinen Spaß. Er probierte es mit Jura, war gut, mochte die Themen. Ein geborener Jurist schien er zu sein. Er wusste nicht, was aus ihm mal werden würde, er wollte die Zeit in München genießen.
Am Wochenende war er beim Sport und auf Partys. Er stand auf Hard Rock und unkomplizierte Kommilitoninnen.
Statt in den Semesterferien zu arbeiten oder in der Arbeitswelt Erfahrungen zu sammeln, verreiste er. Frankreich. Griechenland. Marokko. Kleines Marschgepäck, kleines Budget, große Neugier.
Sorgen hat er sich nie gemacht, der Student Stäbler. Liebeskummer? Kannte er nicht. Geldnot? Ach wo! Wenn nix in der Kasse war, dann gab es eben wochenlang Nudeln mit Tomatensauce – und der Papa half aus, wenn es ganz schlimm war. Stress an der Uni? Das passierte einem wie dem Martin nicht – irgendwie wurschtelte er sich immer durch.
Es waren fünf herrliche Jahre. Sie sausten nur so dahin. Eh er sich’s versah, war Stäbler fast fertig mit dem Studium. Er hängte noch ein Jahr für die Doktorarbeit dran.
Und dann fragten ihn seine Leut‘ (sie waren so stolz, nicht zum Aushalten, das!):
„Und, Martin – was wird jetz aus Dir? Was wirscht schaffe?“
Arbeiten? Er?
Das kam ihm gar nicht recht.
Obendrein hatte er Irene kennen gelernt. Im Fasching war es gewesen. Blöde Sauferei – da machst Du Sachen, die Du besser nicht machen solltest.
Martin hatte Irene angebaggert. Sie war zugänglich gewesen.
Sie hatten sich wieder getroffen und noch einmal. Und dann war sie einfach da gewesen und nicht mehr weg gegangen.
Und nun fragte auch sie:
„Sag‘ mal, Martin, was wird denn jetzt, wenn Du Deinen Doktor hast? Hast Du da schon mal nachgedacht?“
Nein, hatte er nicht. Warum auch?
Aber jetzt hatte er ein Problem.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
