FUN, FUN, FUN
TANZ DER VIREN II
Runter vom Olympiaberg, rüber zur Schleissheimer, nach rechts in Richtung Bahnhof. Ein Schneepflug schleudert den Matsch vor Stäblers Füße, der läuft unbeirrt weiter. Er hat Kopfhörer über die Ohren gestülpt. Hits der Neuen Deutschen Welle.
Völlig losgelöst
Von der Erde,
Schwebt das Raumschiff
Völlig schwerelos.
Die Erde schimmert blau.
Sein letzter Funk kommt:
„Grüßt mir meine Frau!“
Major Tom denkt sich:
„Mich führt hier ein Licht
Durch das All,
Das kennt ihr noch nicht.
Ich komme bald.
Mir wird kalt.“
Eigentlich ist Stäbler zu jung für die Neue Deutsche Welle. In den frühen Achtzigern ist er grad‘ mal in die Schule gekommen, da hat er sich noch nicht für Musik interessiert. Wahrscheinlich haben sich die Songs bei ihm verhakt, weil seine Eltern das mit Begeisterung hörten.
Die Neue Deutsche Welle ist für ihn wie ein Funkspruch aus einer besseren Zeit. Mit den Begriffen „Kalter Krieg“, „DDR“, „RFA“ „§218“ kann er nichts anfangen – aber Nena und Tom Schilling und die „Spider Murphy Gang“ und die Anderen sind geblieben.
Der Rote Hugo hängt tot im Seil.
Die Leiche stinkt nach Shit.
Wie’n weisser Engel, schön wie Schnee hängt er
da.
Ey, du tust dir doch weh.
War’n wilder Kerl mit feuchtem Blick,
Doch der kommt nie zurück.
So schreib dein Leben auf ein Stück Papier
Und warte bis die Zeit vergeht.
Die Schleissheimer ist eine der ganz langen Münchner Straßen. Sie beginnt an der nördlichen Stadtgrenze, dort wo die Menschen von Hartz IV vorgeführt werden. Aus dem runtergeranzten Hasenbergl führt die Schleissheimer in gerader Linie zum Bahnhof, wo die Stadtplaner alles platt machen und den Menschen eine großartige Zukunft mit überwältigender heller Architektur versprechen – Momentan ist das Bahnhofsviertel eine unappetitliche Baustelle, und die Hölle-Helle kommt von dem Gelichter, das sich dort rumtreibt.
Dorthin läuft Martin Stäbler. Der Schnee ist schmutzig, in Hausgängen liegen zähe Rumänen in ihren Schlafsäcken, trinken wärmenden Schnaps und haben mit ihrem Smartphone zu tun.
Am Stiglmaierplatz verpennt der Löwenbräukeller den Januar, er wird wohl auch in der Starkbierzeit grabesruhig sein.
Linkerhand verrottet das „Philoma“. Hier hat Stäbler – er studierte damals – an den Wochenenden seine verruchte Seite ausgelebt.
Hey, hey, hey ich war der Goldene Reiter.
Hey, hey, hey ich bin ein Kind dieser Stadt.
Hey, hey, hey ich war so hoch auf der Leiter.
Doch dann fiel ich ab, ja dann fiel ich ab.
War eine wunderbare Zeit. Tanzen, bis die Füße schwitzten. Knutschen, mit der Erstbesten. Um fünf in der Früh auf der Straße stehen und fragen, „Wohin jetzt?“
Jetzt vergilben die Getränkekarten am „Philoma“, durch die schmutzigen Scheiben grüßen die Spinnen, die zwischen den Tischen und über der Tanzfläche ihre Netze verlinken.
Stäbler läuft bei Rot über die Ampel und denkt:
Was machen die jungen Leute heute? Kein Philoma? Kein Konzert. Keine Party. Nix.
Oder?
Ich möchte ein Eisbär sein im kalten Polar.
Dann müßte ich nicht mehr schrei’n,
Alles wär’ so klar.
Ich möchte ein Eisbär sein im kalten Polar.
Dann müßte ich nicht mehr schrei’n,
Alles wär’ so klar.
Eisbär’n müssen nie weinen.
Eisbär’n müssen nie weinen.
Am Bahnhof: Schritttempo. Stäbler kauft ein Käsebrot und eine Flasche Mineralwasser. Er quert die Halle, weicht den Masken aus. Sie sind Teile eines Schwarms, in dem sich keiner auskennt. Die Menschen haben ihre Gesichter verloren, jetzt taumeln sie zum Zug oder in die Stadt.
Lachen untersagt. Schauen verboten. Reden verlernt.
Endgültig vorbei, die gute alte Zeit – von der niemand weiß, warum sie gut gewesen ist.
Ich schubs die Enten aus dem Verkehr,
ich jag die Opels vor mir her.
Ich mach Spaß, ich mach Spaß, ich mach Spaß.
Und kost‘ Benzin auch 3 Mark 10, scheißegal, es
wird schon geh’n.
Ich will fahr’n, ich will fahr’n, ich will
fahr’n.
Ich will Spaß, ich will Spaß.
Ich will Spaß, ich will Spaß.
Ich geb Gas, ich geb Gas.
Ich will Spaß, ich will Spaß.
Deutschland spürst du mich? Heut‘ Nacht komm ich
über dich.
Das macht Spaß, das macht Spaß, das macht Spaß.
Martin Stäbler wechselt das Musikprogramm. Es passt nicht. Er verlässt den Bahnhof. Laufschritt. Weiter geht’s.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
