KRIEG AM ZAUN
lindow, 4. mai 2015
Nichts Arges führt “sputnik” im Sinne, als er morgens aus dem Wald kommt. Er schnuppert an Frühlingsblumen, wedelt verhalten mit dem Schwanz und freut sich seines beschaulichen Lebens. Da fährt die Bestie auf ihn los. Mit grässlich aufgerissenem Rachen, frei gelegten Zähnen, stinkendem Odem, und einem grauenvollen Knurren. Das Monster ist ein Deutscher Schäferhund. Todbringend. Gnadenlos. Gelbäugig. Wenn nicht ein Zaun dieses Ungeheuer stoppen würde: Gnade Dir, “sputnik”.
Der Schäferhund ist ein Nachfahre von “Blondi”. Deren Besitzer ist dieser Tage wieder mal in den Schlagzeilen. Adolf Hitler hat vor 70 Jahren endgültig ein ganzes Land vernichtet. Nun blieb ihm nichts mehr übrig, als sich und die Seinen aus der Welt zu schaffen.
Den Hund inklusive.

“Blondi” wurde 1934 geboren und stammte aus dem Wurf der Schäferhündin von Gerdy Trost, einer bekannten Architektin. Das Führerbegleitkommando schenkte Hitler den Hund, nachdem Hitlers vorheriger Schäferhund gestorben war und er sich keinen neuen anschaffen wollte.
Das Präsent hatten sich Hitlers Getreue fein ausgedacht. Endlich konnte der hart arbeitende Größte Feldherr aller Zeiten ab und zu ein wenig vom Regieren ausspannen. “Hitler hatte das größte Vergnügen, wenn Blondi wieder ein paar Zentimeter höher springen konnte… und er behauptete, die Beschäftigung mit seinem Hund sei seine beste Entspannung.” So schreibt es die Sekretärin Traudl Junge in ihren “Erinnerungen”.
Der “Zeit”-Autor Josef Marein hat sich schon bald nach dem Kriegsende mit scharfer Feder an den Phänomenen des Tausendjährigen Reichs abgearbeitet. Oft blieb ihm angesichts der Schrecken des Dritten Reichs nur noch gallebitterer Humor. So machte er sich auch Gedanken über den Deutschen Schäferhund, an dessen Rasse auch die arische genesen sollte. “Blondi” also war das Thema, und Marein schrieb über ein “Blondi”-Kindchen:
“Was Hitlers Hunde betrifft, so sind sie, obwohl er in fast allen Berichten vorkommt, noch nicht gebührend geschildert worden. Hitler hatte ein Tier einem Adjutanten geschenkt; der verehrte es seiner Frau; diese ließ es einen Kinderwagen bewachen. Und wer am Roseneck in Berlin ein wenig bekannt war, der sagte, wenn das stolze Tier neben dem Kinderwagen einherschritt: ,Das ist Hitlers Hund.’ Er bewachte den Kinderwagen gut, und es leuchtete etwas wie Mutterliebe dabei aus seinen Augen, denn es war eine Hündin.”

Sie war wirklich eine treue Gefährtin, die allzeit sprungbereite “Blondi”. Wie Hitlers endete auch ihr Leben am 30.04.1945. An ihr wurden die Blausäurekapseln getestet, mit denen sich Hitler später selbst richtete.
Russische Wissenschaftler haben sich der Causa angenommen. Auf “Blondis” Schleimhaut der Zunge wurden „zwei Splitter einer dünnwandigen Glasampulle“ entdeckt, die Analyse ergab Zyanverbindungen. Verletzungen wurden nicht festgestellt. Der andere Hundekadaver im Führerbunker – ein kleinerer, schwarzer Hund – hatte einen Kopfdurchschuss. „Fremdkörper wurden im Maul nicht gefunden“, heißt es im Protokoll. Die chemische Untersuchung ergab dennoch das „Vorhandensein von Zyanverbindungen. Die Todesursachen sind eine Vergiftung durch Zyanverbindungen und eine tödliche Kopfverletzung mit wesentlicher Zerstörung der Gehirnsubstanz.“
Einer der berühmtesten sowjetischen Gerichtsärzte der Zeit, Professor Dr. Wladimir Michajlowitsch Smoljaninow, kam zu dem Befund: “Das sieht einer sogenannten ‚Toxikologischen Probe’ sehr ähnlich. Dem einen Hund hat man eine Ampulle im Maul zerdrückt, der andere Hund mußte die Ampulle verschlucken und wurde dann erschossen – mit einem Schuss von oben, wie aus dem Protokoll ersichtlich ist.“
Professor Smoljaninows Deutung wird bestätigt durch die Erinnerungen Otto Günsches Hitlers SS-Adjutant): “In einem Gang des Führerbunkers standen Professor Haase (Werner Haase, zeitweilig Vertreter von Hitlers Leibarzt, Professor Brandt) und Feldwebel Tornow, der Hitlers Hund abgerichtet hatte. Haase hielt eine Ampulle mit Zyankali und eine Zange in der Hand. Er hatte von Hitler den Befehl erhalten, den Hund ‚Blondi‘ zu vergiften. An ‚Blondi‘ wollte Hitler die Wirkung des Giftes erproben. Um Mitternacht wurde ‚Blondi‘ auf der Toilette vergiftet. Tornow riß dem Hund das Maul auf, und Haase griff hinein und zerdrückte mit der Zange die Giftampulle. Das Gift wirkte auf der Stelle; bald darauf kam Hitler in die Toilette, um sich zu überzeugen, daß ‚Blondi‘ tatsächlich vergiftet war. Er sagte kein Wort, sein Gesichtsausdruck veränderte sich nicht. Nach einer Minute schon kehrte er in sein Arbeitszimmer zurück.”
Der kleinere Hund war “Wolf”, ein Sohn von “Blondi”. Über seine Tötung berichtet Günsche folgendes: “Feldwebel Tornow, Hitlers Hundewärter, war völlig betrunken, rannte im Bunker der Neuen Reichskanzlei herum und schrie: ‚Der Führer ist gestorben, rette sich, wer kann!‘ Unter den Insassen des Bunkers, besonders unter den Verwundeten, entstand eine Panik. Es stellte sich heraus, daß Tornow zuvor die Welpen von ‚Blondi‘, darunter auch ‚Wolf‘, die Hunde von Eva Braun und von Frau Christian (Hitlers Sekretärin) und auch seinen eigenen Hund eigenhändig erschossen hatte.”

Das war das Ende. Das Ende von Hitlers Hund zumindest. “sputniks” böser brandenburgischer Feind hinter Gittern ist jedoch quicklebendig. Der ist so zornig und so deutsch und so wachsam, dass man es mit der Angst bekommt.
Und nur froh sein kann, dass es den Zaun zwischen “Blondis” Nachfahren und “sputnik” gibt. Der wiederum fasst sich nach dem ersten Schrecken schnell. Er kläfft mutig durch den Draht. Dann dreht er ab, hebt das Bein, macht was – und stolziert in die freie Welt.
