HEILSBRINGER
berlin, 9. februar 2016
Es war eine verträumte junge Frau – nennen wir sie Yvonne -, die mit gerade mal 20 aus der süddeutschen Provinz ins ummauerte Berlin zog. Dort hatte sie wunderschöne Tage und höllische Zeiten. Sie wünschte sich ein Leben im Glück und geriet an einen ziemlich miesen Kerl, der ihr ein Kind andrehte und sie jahrelang unter Kuratel hielt.
Dann kriegte die Frau die Kurve und düste erst mal ab nach Indien. Sie fühlte sich in ihrer Sanftheit bestätigt, hatte himmlische Zeiten und glaubte wieder an das Gute in den Menschen.
Kam zurück nach Berlin und fing mit 45 von vorn an. In Indien hatte sie sich in der Kunst der Meditation kundig gemacht, so konnte sie nun in Schöneberg mit einem kleinen Yoga-Tantra-Irgendwas-Laden überleben.
Bis sich eines Tages ihre Wege mit denen von Doktor Wolf Funfack kreuzten. Der hatte den Arztberuf in Berlin gelernt, war letztendlich im bayerischen Isen gelandet. Dort hatte sich der Internist als Retter der zuckerkranken verfetteten, depressiven Menschheit erfunden. „Metabolic Balance“ hieß seine Heilsbotschaft – und mit diesem Programm flutete Doktor Funfack die Zivilisation.
Wer sich ihm anvertraute, war angeblich gesundet – wovon auch immer.
Zwar warnten ernsthafte Wissenschaftler, dass den Lehren des Doktor Funfack etwas Sektiererisches anhafte, doch den störte das wenig.
Er lächelte freundlich, ließ keinen Unbefugten in die Labors seines prosperierenden Unternehmens, entzückte die Fans durch seine nette Art und seine fabelhaft-zweifelsfreien Vorträge. Und wenn schon mal ein Journalist zu ihm vordrang, war es ein harmloser Zeitgenosse von der „Elle“ oder so. Der bekam dann die Grundätzlichkeiten nur so um die Ohren gehauen:
„Die schlimmsten Ernährungsmythen sind ,Kalorien machen dick‘ und ,Fett macht fett‘. Bei den Kalorien kommt es darauf an, in welcher Form ich sie zu mir nehme. In Form von Kohlenhydraten machen sie tatsächlich dick; in Form von Fett und Eiweiß machen sie sogar schlank. Das Fett am Körper nehmen wir nicht allgemein in Form von Ernährung zu uns sondern in Form von Kohlenhydraten, die im Körper dann zu Fett umgebaut werden. Auch erhöhte Cholesterin-Werte im Blut entstehen dadurch, dass man selbst zu viel Cholesterin produziert und die Grundsubstanz für diese Produktion sind Kohlehydrate.“
Aha! Na, dann war ja alles klar.

Doktor Funfack weiter:
„Zum Beispiel gibt es gute und schlechte Kohlenhydrate. Die schlechten lassen den Insulinspiegel ansteigen; die guten halten ihn gleichmäßig niedrig. Und zum Beispiel Getreideprodukte zum Beispiel können den Körper schnell übersäuern oder zu Entzündungen führen. Aber ich bin ein Gegner von standardisierten Empfehlungen.“
Ein echter Wissenschaftler also. Einer mit acht Grundregeln:
„Acht Metabolic Balance-Gebote für einen gesunden Stoffwechsel:
– Essen Sie nur drei Mahlzeiten am Tag.
– Machen Sie nach jeder Mahlzeit fünf Stunden Pause, ehe Sie die nächste Mahlzeit beginnen.
– Lassen Sie die Mahlzeiten nicht länger als 60 Minuten dauern.
– Beginnen Sie jede Mahlzeit mit zwei Bissen der Eiweißportion.
– Essen Sie pro Mahlzeit nur eine Art Eiweiß.
– Essen Sie nach 21 Uhr nichts mehr.
– Trinken Sie über den Tag verteilt die für Sie errechnete Menge Wasser (mindestens zwei Liter).
– Essen Sie das Obst (täglich ein Apfel) zum Ende der Mahlzeit.“
Yvonne also hörte einen Vortrag des großen Doktors und war Feuer und Flamme. Sie würde ein Teil des großen Ganzen werden, in Diensten von Wof Funfack würde sie Gesundheit unter die Berlinerinnen und Berliner bringen.

Zuerst zahlte sie ein paar Tausender für ihre Ausbildung und ihr Zertifikat. Dann köderte sie in ihrer Freundesschar Neu-Metaboliker – es gab da ja genügend Dicke, Traurige, Überzuckerte. Die wurden von Yvonne überredet, sich in den Labors von Isen ein 350 Euro teures Blutbild erstellen zu lassen. So richtig schlau wurde niemand daraus, aber was hieß das schon?
Denn nun, heissa, wurde man gesund. Man aß manches nicht mehr, anderes im Überfluss. Nach neun Uhr abends gab’s gar nichts mehr, die Eiweiße waren gut und schlecht und wurden feinsäuberlich getrennt. Lustfreundlich war das alles nicht – aber Hauptsache, gesund.
Und zum Ende der Mahlzeit war es der Apfel.
Alles hätte so schön werden können.
Doch 2013 bekam die Welt von Yvonne wieder einen schlimmen Riss.
Doktor Wolf Funfack starb.
Seine Frau und die neue Geschäftsführerinnen können nicht so schön reden, wie er das immer getan hat. Die „Metabolic“-Bücher werden immer teurer und –zusätzlich werden neuerdings Pulver und Wässer unters Volk gebracht. Dennoch ist vom großen Boom nicht mehr viel übrig.
Und die Menschheit bleibt ein wenig kränklich und dick.
So echt der Retter war der Doktor dann doch wohl nicht.
Nur Yvonne weiß, was sie von ihm zu halten hat.
Sie ist nämlich pleite.
