“DANKE”
25. februar —- winter 16/17, Folge 46
New York, 1980
Spielen war eine ziemlich einsame Angelegenheit. Die Eltern mochten es nicht, dass fremde Kinder mich besuchten. Ich hätte ja auch lange keine einladen können, denn ich kannte niemanden. Erst in der Schule bin ich mit Gleichaltrigen zusammengekommen. Hat mir aber nicht viel geholfen – denn ich durfte nur selten jemanden besuchen, und unser Haus war auf erwachsene Besucher eingerichtet.
Maryan, meine Schwester, kümmerte sich nicht um mich. Sie ließ alle spüren, dass sie mit der Kindheit abgeschlossen hatte. Sie war ein hochnäsiges Ding, immer mit einem Buch unterwegs. Hat sich der Klavierlehrerin angebiedert und ist ins Büro vom Vater, wenn der zuhause war.
Ja, wir durften ihn besuchen, das stimmt schon. Wir mussten dann fragen, ob wir gelegen kämen. Wenn er nickte, sind wir in sein Büro gewischt und haben uns in die Besucherecke verkrümelt. Reden war verboten. Wir durften lesen oder malen, in der Nase bohren oder etwas ähnlich Stilles tun.
Der Vater hat an seinem großen Schreibtisch – es war ein Monstrum von einem Tisch, mit dicken geschnitzten Beinen und einem Berg Akten und Papier obendrauf – gesessen und geschrieben und gelesen. Dazu setzte er eine dicke Brille auf, die machte ihn noch strenger, als er ohnehin war. Manchmal rief er nach Serge, seinem Sekretär.
Serge kam aus Russland und wenn er geredet hat, klangen die Wörter immer verkratzt. Einen runden Rücken hat er gehabt und er konnte gehen, ohne ein Geräusch zu machen. Ich kann mich nicht erinnern, was für ein Gesicht er hatte. Er sah einem nie in die Augen, guckte immer auf den Boden oder in die Papiere.
Es war, als würde Serge nur drauf lauern, dass der Vater ihn rief.
„Serge!“
Da stand er schon im Büro. Zwei Schritte vor dem Schreibtisch, guckte auf seine abgelatschten schwarzen Schuhe. Sein Anzug knitterte, die Haare klitschten auf der Stirn, Serge schwitzte viel, sogar im Winter.
Der Vater gab Anweisungen, schob einen Stapel Unterlagen über den Tisch. Serge nickte, nahm die Akten und war wieder weg.
Jedesmal sagte er „Danke“, wenn er die Befehle entgegen genommen hatte.
Wenn ich mal beim Vater im Büro war, sah ich dabei zu, wie Befehlen und Gehorchen geht. Das war mir nicht angenehm.
Nein, ich war eigentlich nicht gern im Büro. Da spielte ich lieber allein in meinem Zimmer.
Ich schüttete aus der Kiste ein Kilo Bauteile auf den Boden und expandierte. Ich war im Lincoln-Log-Fieber, als der Krieg zu Ende ging. Vater hatte mir – da war ich wohl sechs – die Bauteile eimerweise geschenkt. Das waren Nachbildungen von Stämmen für Blockhäuser. An beiden Enden hatten sie Kerben, und man konnte die einzelnen Teile auf Nut miteinander verbinden.
Vater sagte, ich sollte das üben, das würde später wohl mal mein Beruf werden.
„In unserer Familie werden wir immer Häuser bauen. Hohe und große Häuser. Du wirst ganze Städte bauen. Also, probiere es schon einmal aus, wie das ist.“
Und so baute ich. Die Anleitungen habe ich mir einmal angesehen, dann nie wieder. Ich wollte selbst erfinden, wie meine Häuser aussahen.
Es sind eher Burgen geworden. Mit Zinnen und Türmen und riesenhohen Eingangstoren. Ich habe kein flaches Dach gemacht – nicht wie der Vater, dessen wirkliche Häuser meistens oben platt waren.
Meine Gebäude ragten mit spitzen Giebeln in die Höhe. Meine Gebäude hatten Erker und viele Ecken. Ich hätte sie gerne runder gebaut, aber es gab bei Lincoln Log keine runden Elemente. Alles war gerade, mit rechten Winkeln, vernünftig.
Einmal habe ich einen Bahnhof für meine Züge zusammengesteckt. Es war eine Halle, die sich über vier nebeneinander liegende Gleise wölbte. Weil das ein recht kühner Bau war, ließ die Statik zu wünschen übrig. Ich konstruierte zu allem Überfluss noch einen gigantischen Giebel über die Station, mit durchsichtigen Steinen, die als Oberlicht Helligkeit geben sollten.
Durch den Bahnhof führte ich die Gleise. Das ganze Kinderzimmer war eine große Eisenbahnanlage. Die Züge – mein Favorit war eine pechschwarze Lionel 224 – kreisten durch den Raum, verschwanden im Bahnhof, kamen wieder raus.
Ich überlegte:
Der Vater hatte doch gesagt, dass aus mir ein großer Stadt-Bauer werden würde. Also würde ich ihm beweisen, was in mir steckte. Ich würde den Bahnhof noch größer, noch höher, noch toller machen, als er jetzt schon war.
Vater würde staunen, wenn er abends nach Hause käme.
Er würde mich sehr loben, ja, das würde er.
Ich holte den nächsten Eimer mit Baustoffen.
Morgen: Einstürzende Neubauten und eine glänzende Zukunft
