WAR WAS?
26. februar —- winter 16/17, Folge 47
New York, 1980
Dad biegt in die Auffahrt ein. Da muss er einen Gang runter schalten. Er gibt Zwischengas, der Motor bullert und blubbert. Ich laufe zum Fenster, schiebe den Store zur Seite und beobachte den Cadillac, der vors Haus schaukelt.
Schöner Wagen. Manchmal, wenn keiner her sieht, umrunde ich das Auto und streichle die runden eisgrau blitzenden Flanken. Ich mache am Kühler Halt, streiche der „Lying Lady” über die Brüste, die kalt und rund sind.
Der Cadillac vom Vater fasziniert mich – viel mehr als der silberne Rolls der Mutter. Der Cadillac ist wie ein runder Panzer, wie ein Ungetüm, das jederzeit los springen könnte. Hat was Vertrautes und was Unheimliches.
Und wenn ich mich vor ihn stelle und ihm auf den Kühlergrill gucke, grinst mich der Wagen an. Er bleckt sein chrom-gleißendes Gebiss – und das sieht nicht freundlich aus.
Vater lenkt also den Cadillac vors Haus. Der Motor gibt Ruhe, mit einem letzten Gulpen wird er still. Ich beobachte, wie der Vater aussteigt. Er ist ein dünner großer Mann, der sich ein wenig verwindet, zuerst kommen die Lackschuhe, danach die Beine, das Sakko und die Weste, zum Schluss folgt der Kopf, den Vater einzieht, wie das große Männer manchmal tun, auch wenn es nicht nötig wäre. Vater wirft die Fahrertür zu, sie schließt mit einem sanften Klacken, Dad öffnet die rückwärtige Tür, greift sich Hut und Aktentasche, setzt den Hut auf, rückt ihn gerade, lässt auch diese Tür ins Schloss fallen, dreht sich auf dem Absatz und geht mit staksigem Schritt auf die Haustür zu.
Ich trete vom Fenster weg und sehe auf mein Werk:
Der Bahnhof ist gewachsen. Vor der Station führen die vier Gleise über eine Brücke. Die Züge dampfen über die Rampe und fahren in die riesige Halle ein. Ich habe überall angebaut. Mein Bahnhof ist nun ein Sesam-öffne-dich der urbanen Architektur. In großer Höhe habe ich ein Zwischengeschoss eingefügt, das soll dem Giebel mehr Festigkeit geben.
Es ist ein imposantes Dach geworden. Zuerst hatte ich mich an einer Kuppel versucht, doch sie war in sich zusammengebrochen. Nun ist es ein gigantisches Spitzdach mit riesigen Oberlichten geworden.
In der Halle ist viel Platz für die vier Gleise und die Bahnsteige meiner Modellbahn. Ich habe die Figuren –den Zeitungsverkäufer, die Gepäckträger, die feinen Damen mit den großen Hüten, die sportlichen Typen mit Ballonmützen, die Kinder, die Kinderwagen, die flotten Damen mit den wehenden Röcken, den Donut-Mann und das gemeine Volk – liebevoll in der Halle verteilt. Die drei Personenzüge und der lange Tross der gedeckten Güter- und Rungen- und Niederbordwagen mit zwei Zugmaschinen stehen startbereit.
Ein letzter Test. Alle Züge fahren nach Wunsch.
Jetzt kann Vater kommen.
Ich höre ihn rufen.
„Maryan!“
„Fred!“
Wir laufen ins Foyer. Maryan ist immer zuerst da, sie hat ihr Zimmer im Erdgeschoss und will vor mir da sein. Sie will immer vornedran sein.
Ich muss die Treppe hinunter. Wenn ich es eilig habe, laufe ich die Kurve schnell auf der Innenseite, da sind die Stufenabsätze nicht so breit und ich muss aufpassen, dass ich nicht stolpere. Heute nehme ich mir Zeit. Außen sind die Treppen breit. Ich komme mir ziemlich klein vor, wie ich so, die Hand am goldenen Geländer, die vielen Absätze hinunter stiefle.
Unten stehen der Vater und die Mutter. So stehen sie immer da, jeden Abend, wenn Dad nach Hause kommt.
Er hat einen Arm um die Hüfte von Mutter gelegt, der Hut ist noch auf dem Kopf, das Sakko hat Dad noch an.
Die Eltern warten, bis wir Kinder vor ihnen stehen. Vater fragt, immer fragt er das Gleiche:
„Was gibt es zu berichten? War was?“
Jedesmal habe ich dann ein banges Gefühl am Schniedel. Ja, wie ist es, was wird Mom sagen? Hat’s was gegeben?
Sie schaut den Vater an und berichtet. Der Tag läuft auf die Schnelle ab. In diesem Augenblick entscheidet sich, ob der Abend versaut ist oder nicht. Wenn einer von uns etwas angestellt hat, gibt es nun das Urteil. Vater spricht die Strafe sofort aus. Und Vater ist streng, der lässt sich nichts vormachen.
Wenn bestraft werden muss, dann straft er.
Kein Abendessen.
Taschengeld gekürzt.
Auffahrt kehren.
In der Küche helfen.
Am Samstagabend kein Hörspiel.
Kino gestrichen.
In schlimmen Fällen sagt Vater: „Du kommst gleich mal mit.“
Er haut nicht fest. Er hat einen biegsamen Stock, mit dem er das macht. Fünfmal ist nicht so schlimm. Zehnmal tut weh. Bei 20 Schlägen hat man wirklich was Dolles ausgefressen gehabt.
Auf den nackten Hintern. Heulen geht gar nicht.
„Was gibt es zu berichten? War was?“
Nein sagt an diesem Abend die Mutter. Maryan habe in der Schule ein Lob bekommen, weil sie immer so eifrig sei. Habe die Hausaufgaben piccobello gemacht. Und sie übe fürchterlich für den Buchstabier-Wettbewerb.
„Und Fred?“
„Von Fred habe ich den ganzen Tag nichts gesehen. Er hat in seinem Zimmer etwas gebaut. Das will er Dir zeigen.“
Vater sieht mich an. Er hat Falten auf der Stirn.
„Gebaut? Was hast Du gebaut.“
Ich erkläre, es sei ein Bahnhof. Ganz ohne Anleitung.
„Ohne Anleitung?“
Die Falten werden tiefer.
„Naja, ich sehe es mir an. Ich komme gleich. Geh‘ schon mal vor.“
Ich gehe vor. Mir ist bang.
Morgen: Einstürzende Neubauten II
