DANKE, STEIN!
leipzig, 12. mai 2015
Die Dame lächelt feiner als der Rest der Menschen in der Leipziger Innenstadt. Sie nähert sich mit kleinen Schritten den Tischen vor dem Kaffeehaus Riquet. “Die ,Kippe’, murmelt sie, “die ,Kippe’. Leipzigs Straßenzeitung. Besseren Journalismus gibt es nicht in der Stadt.” Ein Ehepaar aus Westfalen blickt verstört auf, man hat gerade so schön gestritten. Der Tischnachbar hebt die Hand. Was die Zeitung koste? Für einsachtzig wechselt der beste Journalismus der Stadt den Besitzer. Dann kramt die Dame in ihrem Rucksack.
“Ich habe da was für Sie.” Sie verteilt eine Handvoll kleiner Steine neben der Sahnetorte. “Suchen Sie sich etwas aus.”
Fragender Blick des Kunden. Das Ehepaar hat zu streiten aufgehört und beobachtet die Szene.
“Das sind Dankeschön-Steine.” Die Dame lächelt. “Die bringen Glück.”

Gößere. Kleinere. Helle. Dunkle. Viele scharfkantige. Der Zeitungskäufer sucht sich einen runden schimmernden aus. “Das ist ja fast mein kleinster”, sagt die Dame. Wollen Sie den wirklich?”
Ja, warum nicht?
“Na, Sie haben wahrscheinlich Recht. Je kleiner, desto mehr Glück.”
Sie erklärt, das sei ein Bernstein. Der komme aus der Goitzsche, bei Bitterfeld. Nein, es gebe Bernstein eben nicht nur an der Ostsee, das solle man sich ruhig merken, wenn man bei “Wer wird Millionär” antreten wolle. Die Dame kichert.
Der inzwischen rekultivierte und geflutete Braunkohletagebau Goitzsche bei Bitterfeld in Sachsen-Anhalt ist eines der bekanntesten deutschen Bernsteinvorkommen. 1848 wurden dort die ersten coolen Kiesel gefunden. In der Kohlengrube Golpa gab es besonders viele – und als 1970 der “VEB Ostseeschmuck Ribnitz-Damgarten” eine besorgniserregende Rohstoffknappheit vermeldete, entschloss man sich zum Abbau des Bernsteins in der Goitzsche. In drei Gewinnungsanlagen wurden von 1975 bis 1990 über 400.000 kg Bernstein geholt. Nach 1990 förderte man noch drei Jahre in der Nassgewinnung, ehe der Abbau eingestellt wurde. Es wird geschätzt, dass unter dem See heute ein Dreifaches der geförderten Bernsteinmenge liegt.
Schöner Bernstein ist das! Gewachsen in oligozänen und miozänen Glimmersanden. Sein Alter wird auf 22 Millionen Jahre datiert, damit ist er viel jünger als der baltische Bernstein. Entstanden aus einer Koniferenart, die im Raum Bitterfeld in der Zeit des Tertiär verbreitet war. In der Hauptsache findet man bei Leipzig das “Modell” Succinit, Mineraliensammler stoßen aber auch auf Gedanit, Glessit, Siegburgit, Retinit oder Beckerit.
Oder – wie es die nette “Kippe”-Dame audrückt: “Die Steine sind echt scheen. Fotografieren’Se ruhich so en Stein, mich nicht, bitte. Ich bin doch gar nicht zurecht gemacht.”
Aufbrezeln tut sie sich nur noch, wenn sie Karten fürs Gewandhaus hat. Ansonsten, sagt sie, verwendet sie nicht mehr viel Mühe fürs Äußerliche. “Das war mal. Jetzt braucht es das nicht mehr, jetzt bin ich alt.”

Dabei sieht sie allerliebst aus. Mit ihrem breitrandigen Strohhut, dem luftigen Sommerkleid, den Sandalen aus Griechenland. Sie hat dezent Rouge aufgelegt, und die filigranen Falten erzählen von einer Frau, die die Menschen mag, die mit ihnen viel lacht und die mit ihnen die Trauer erträgt. Sie ist eine schöne alte Dame.
“Schöne Frau? Hörn’Se uff. Das war mal.”
Ja, sie hat schon was her gemacht. Selbst im DDR-Petticoat. Die Männer haben sich auch um sie gerissen, als sie vor einem Vierteljahrhundert immer in der ersten Reihe mit marschierte, wenn die Menschen vor die Nikolaikirche strömten und dort skandierten, sie seien “das Volk”.
Sicher habe man für die Freiheit demonstriert. Aber schon damals hat sie gewarnt, dass die Wende auch ihre Tücken haben würde.
So war es denn auch. Und im Gesicht der Frau kamen viele Falten der Nachdenklichkeit dazu.
Heute trägt sie die Zeitung der ganz Armen aus. Sie ist ganz zufrieden mit ihrem Leben. Jetzt ist es besonders schön, weil sie die Wintermütze mit dem Strohhut tauschen konnte.
Die Lady trippelt weiter. Ihr Kunde steckt den Glücksstein achtsam ein, gabelt ein Stück Torte auf und beginnt zu lesen. Am Nebentisch sitzt die Dame und guckt verträumt hinter der “Kippe”-Queen her. Da wird sie von ihrem Männe in die Seite geknufft.
“Sachma, wilste nich endlich austrinken. Wir müssen weiter. Dat Museum wartet nich.”
Der Mann hat etwas Bedrohliches in der Stimme. Erschrocken leert seine Frau die Tasse.
“Wird auch Zeit”, belfert der Gatte. Die Beiden brechen auf.
Der Mann am Nebentisch befühlt das klitzekleine Steinchen in der Tasche. Gut gemacht. So geht Glück: Kein Streit. Mit niemandem.

