COOL RUNNINGS
TANZ DER VIREN II
Olympiapark.
Es schneit stark, in der Dämmerung duckt sich der Fernsehturm weg.
Halb acht Uhr morgens, ungastliches Wetter – man jagt keinen Hund vors Haus.
Trotzdem überall Menschen. Martin Stäbler hatte mal beruflich in der russischen Provinz zu tun, da kam er eines Frühmorgens an einen Bahnhof – und es war genau wie jetzt im Olympiapark:
Graue Menschen strebten von hier nach da und von da nach hier. Es war wie eine Flucht in alle Richtungen.
Hier, im Olympiapark im Januar ’21, das Gleiche.
Ein älteres Paar müht sich den Weg zum Berg hoch. Der Mann hat Schmerzen beim Gehen, die Frau ist rüstiger und raucht eine E-Zigarette. Die Beiden halten sich an den Händen, sie atmen schwer und reden nicht. Ist ja auch nicht notwendig, sie haben sich alles gesagt – nun wollen sie zusammen die nächsten Schritte machen. Dazu brauchen sie keine Wörter. Sie wollen das spüren, solange es irgend geht: die Hand des Anderen. Den gemeinsamen Weg. Das Nach-Hause-Kommen und dem Anderen aus den Wintersachen helfen. Kaffee trinken. Wieder warm werden. Schöne Musik hören. Noch am Leben sein. Und vor dem Anderen die Angst geheim halten, dass einer krank werden könnte.
Eine Frau führt ihren Hund aus. Der Hund ist sehr klein, die Frau trägt ihn wegen des furchtbaren Wetters im Arm, wo er vor sich hin zittert. Ihren guten Stepp-Anorak hat die Frau angezogen. Die Ohren schützt sie mit einem Stirnband, ins Haar hat sie für die gute Laune eine Stoffblüte geflochten. Das macht sie ganz und gar jüngferlich. Sie wagt es nicht, andere Menschen anzublicken, schaut in den Schnee – und wird die Angst nicht los. Eigentlich mag sie es hier draußen nicht, weil es gar so feindlich ist. Aber zuhause mag sie es noch weniger, weil sie da so alleine ist und nicht mal den Hund beschützen kann, weil der sich auch noch ausklinkt und in seinem Körbchen schläft.
Jogger überholen sie. Manche tragen Uhren am Arm, die alles messen: Herzschlag, getane Schritte, Höhenmeter, Kalorienverbrauch, Tempo… So meinen die Sportler, sie haben die Kontrolle über sich.
Auf dem Plateau oben am Berg stehen Tim und Joey. Die Kurzskier haben sie angeschnallt, gleich werden sie abfahren. Tim schultert eine Schneeschaufel, die er dummerweise mitgebracht hat. Er wollte mit dem Kumpel eine Schanze bauen, doch dazu reicht der Schnee nicht. Blöd gelaufen. Naja, dann werden sie eben den Hang hinunter wedeln, wieder hoch stapfen, wieder abfahren – bis sie genug haben. Eigentlich wollten sie nach Garmisch, doch dort ist Unwetterwarnung, deswegen sind sie in München geblieben. Wenn sie hier fertig sind, geht‘s zurück in ihre Wohnung im Westend; Tim und Joey suchen sich bei Netflix eine Serie aus, machen Weißwürste warm und ein Bier auf – sie werden einen geilen Tag haben. Das Studium haben sie noch nicht in die Gänge gekriegt in diesem Jahr – na und? Da sind sie nicht die Einzigen. Ihre Parole: cool bleiben.
Martin Stäbler blickt den Jungs nach, wie sie den Hang hinunter zur großen Wiese kurven, einer mit einer Schneeschaufel auf den Schultern.
Sinnfrei ist das, was sie hier tun. Und es macht so verteufelt viel Sinn.
Sie bekommen das hin mit dem Spaß. Trotz allem.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
