COCTEAU
scheisszeitenwende 104
Seinen Leuten in Chur schrieb Andreas, dass nun alles gut würde. Er werde seinen Weg machen. Alles sei richtig.
„Mein Französisch macht Fortschritte. Es ist gut so. Mit der Zeit will ich ganz französisch werden. Ganz und gar. Dies hier ist meine Zukunft, das Leben meint es gut mit mir.“
Walser beeindruckte die Menschen. Aus der Heimat schrieb Ernst Ludwig Kirchner, Andreas möge sich auf die Kunst konzentrieren und die verfluchten Drogen weg lassen. Augusto Giacometti hielt Kontakt, schrieb nicht übers Heroin oder den Schnaps, er riet, Andreas solle fleißig den Louvre besuchen und sich ansehen, was dort hänge. Auch Jean Cocteau, der Dichterfürst und Universalkünstler, der maître de plaisir von Paris, freundete sich mit dem jungen Schweizer an.
Aus dem Entzug in der Klinik von Saint Cloud schrieb Cocteau an Andreas Walser: „Lieber Freund, ich bin immer noch sehr krank – und sehe niemanden. Aber ich versichere Ihnen, dass Briefe wie der Ihre, freundschaftliche Grüße, die mir der Himmel schickt, mir mehr Linderung sind als die Medizin. Lieber Freund, leben Sie und haben Sie keine Angst, Ihr Herz zu verschenken.“
Walser wurde später in Saint Cloud vorgelassen, notierte danach beglückt in seinem cahier: „Die Besuche in der Klinik haben zum Schönsten in meinem Leben gehört.“
Doch das Glück machte sich wieder davon.
„Bin maßlos geworden. Bin im Leiden maßlos. Immer wieder, immer wieder möchte ich einfach fort. Ich steige immer noch, obwohl ich so oft zweifle. Aber nur in Paris, in diesem mich auffressenden Gewühl und zugleich dieser himmlischen Schönheit der Stadt, und nur so ganz maßlos unten und oben, nur so kann ich Künstler sein.“
