BROKEN DREAMS
TANZ DER VIREN II
Die letzten 1500 Meter des Januar-Marathons von Hobby-Läufer Martin Stäbler:
Sie sind ein Catwalk der zerstiebenden Hoffnungen.
Rheinstraße.
Ein Geschäft für Vintage-Mode. Dort hat Irene hübsche Hippie-Sachen gekauft. Martin hat vor Kurzem die Besitzerin des Ladens beim Aldi getroffen – sie fragte, ob seine Frau etwas aus den Beständen haben wolle, das Geschäft werde nicht mehr aufgemacht, und in die Altkleidersammlung wolle sie die Sachen nicht tun.
Der Getränkemarkt. Der Türke, der ihn betreibt, hat die Scheiben mit Zeitungen verklebt. Schade – wenn es den nicht mehr gibt, hat Martin ein kleines Problem. Dann muss er nach sieben Uhr das Bier für überraschenden Besuch an der Tanke kaufen.
Der Friseur. Auch der ist pleite. Das stört die Stäblers nicht, sie sind dort nicht Kunde. Aber es gibt einem einen Stich zu hören, dass dort auch jemand aufgeben muss. Der Friseur hat, so erzählt man, seinen Laden vom Vater übernommen. Den gibt es, seit die Leute sich erinnern können.
Martin hört die „Toten Hosen“, das heißt, er hört sie nicht mehr so richtig, weil in seinem Kopf Tumult ist. Platt ist er, erledigt. Marathon halt. Noch ein Kilometer, aber der scheint endlos.
Also, Tote Hosen“.
„Nur
noch 100 Tage bis zum Untergehn?“
Wär dein letzter Spruch ein Witz oder ein Gebet?
100 Tage bis zum Untergehn.
Er kommt an der Schule seiner Kinder vorbei. Alles dunkel. Heute finster, morgen kein Licht, übermorgen zappenduster.
Hey,
bye bye Alex!
Nur noch ein Clown,
traurig anzuschaun.
Jetzt der Hausarzt. Der ist 2020 um zehn Jahre gealtert. Klingt brüchig wie ein alter Mann, wenn er sagt: „Nee, Martin, an Deiner Stelle würde ich mich nicht impfen lassen. Aber muss jeder für sich selbst wissen.“
Es
gibt kein Heute, es gibt kein Morgen,
Gestern ist schon lange her.
Wie eine Wolke ziehe ich vorüber
und ich spüre keinen Schmerz.
Es ist nichts mehr in mir,
ich bin endlos leer.
Ich fliege weit weg von hier
und finde mich nicht mehr.
Der Buchladen. Die Stäblers und ihre Freunde kaufen wie wild, um das Geschäft zu retten. Der Händler dekoriert an jedem Wochenende die Auslage neu. Er verschickt samstags an seine Kunden eine Mail, die die Schönheit des Buchs beschwört. Sie endet immer mit dem Spruch „Lesen gefährdet die Dummheit“. Der Buchhändler strampelt wild, weil er überleben will. Aber alle sagen, dass er es wohl nicht derpackt.
Morgen soll
alles anders sein.
Zum Glück ist heute bald vorbei.
Denn morgen soll alles anders sein.
Heute ist bald vorbei.
Das „Laterndl“. Wenn es dem Martin zu schwierig wurde, wenn er einfach mal tumb vor sich hin vergessen wollte, ist er in die Kneipe gegangen. Hat dort ein paar Stunden am Tresen gehockt, schlechte Musik und blöde Sprüche gehört. Danach wankte er heim – und es ging weiter. Jetzt ist das „Laterndl“ zu – niemand kann sich vorstellen, wie die Monique die Schulden bezahlen wird. Übrigens hat man sie schon sehr lang nicht mehr gesehen, die Monique.
Steh
auf, wenn du am Boden bist!
Steh auf, auch wenn du unten liegst!
Steh auf, es wird schon irgendwie weitergehn!
Martin Stäbler ist vor seinem Haus. Erschöpft ist er. Ein bisschen glücklich auch. Er stapft langsam im Stiegenhaus hoch, schließt die Wohnungstür auf, aus den Kinderzimmern kommt Musik, aus den Ohrhörern das letzte Lied der „Toten Hosen“.
Die Wohnzimmertür wird geöffnet. Irene steht da, im Schlafanzug aus verwaschener roter Baumwolle, gekämmt ist die Frau noch nicht, das Gesicht ist ungemacht, Irene hat schlechte Laune.
Sie stemmt die Handkanten in die Hüften.
„Des hat ja jetzt wohl sein müssen. Ich glaub es nicht.“
Dann ist sie wieder weg und die Wohnzimmertür zu.
Sauber, denkt Martin, sauber, sauber. Trautes Heim.
When
you walk through the storm
Hold your head up high
And don’t be afraid of the dark
Walk on through the wind
Walk on through the rain
So musses wohl sein.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
