FAMILY FAKE
TANZ DER VIREN II
Über die Brücke am Mittleren Ring. Durch den Nördlichen Englischen Garten. Am „Aumeister“ umkehren. Noch sieben Kilometer bis zuhause.
Im „Aumeister“ war Hochzeit. Irenes Familie kam aus Oberbayern, seine Verwandten reisten aus Schwaben an. Teuer ist die Feier gewesen, teuer und ungelungen.
Draußen schien die Junisonne, die Gaststuben waren verwaist, bis auf die Hochzeitsgesellschaft. Die Gäste hatten sich nichts zu sagen, es wurde wenig gelacht, die Zeit rann zäh. Martin schwitzte in seinem dunklen Anzug, Irene hatte im Dekolletee hektische rote Flecken. Jemand verschüttete Rotwein, danach war das gestärkte Tischtuch schmuddlig. Es gab vier Gänge, ein Cousin von Martin betrank sich und fiel aus der Rolle. Irenes Nichten – ein Paar schriller Zwillinge – ließen sich nicht bändigen, jeder schämte sich für sie.
Um drei Uhr stellte sich der Ober in den Türrahmen und signalisierte, dass Mittagspause sei. Der Vater der Braut löste zur allgemeinen Erleichterung die Feier auf, er halte von nun an alle im angrenzenden Biergarten frei.
Dann ist es doch noch ein netter Tag geworden. Es gab Bier aus Maßkrügen, die Kinder tobten auf dem Spielplatz, Martins Cousin bekam Zechkumpane. Um sechs zerstreute sich die Gesellschaft.
Von da an war Martin verheiratet.
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Ein halbes Jahr später kam Robert zur Welt.
Vor 14 Jahren war das. Damals hat Steve Jobbs das I-Phone vorgestellt.
Steve Jobs: tot.
I-Phone: Generation 1, „das I-Phone original“, damals war vier Gigabyte stark; Generation 12 heute heißt „Pro“ und bringt es auf 512 Gigabyte.
Nichts wie damals.
Vor 14 Jahren sind die Stäblers umgezogen. Eine vielversprechende Familie waren sie. Irene führte drei Modegeschäfte, sie hatte zehn Angestellte und sorgte dafür, dass der Rubel rollte. Nach Roberts Geburt nahm sie nicht mehr ab und konzentrierte sich aufs Mutter-Sein. Sie verkaufte die Shops und machte es der Familie heimelig. Martin wurde noch und noch befördert. Bald war er ein Geschäftsführer mit großen Bezügen und dem Blick fürs große Ganze.
Renate kam zur Welt.
Glück perfekt.
Kinder gesund. Irene verhütete wieder (zwei Kinder, das reichte ja wohl). Sie buchte die zwei Urlaubsreisen im Jahr, sie war die Chefin im Haus Stäbler, sie war stolz auf die Karriere ihres Mannes.
Martin zog sich ein wenig zurück. Ein guter Chef war er, ein freundlicher Nachbar, ein sportlicher nett aussehender Mann, schicker Daddy.
In der Ehe wurde kaum gestritten.
Alles gut also.
Alles gut? Echt?
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Martin Stäbler verlässt den Englischen Garten und marschiert auf die Münchner Freiheit zu. Noch drei Kilometer.
Auf der Rheinstraße hat das Grübeln ein Ende. Stäbler gibt sich einen Ruck und nimmt Tempo auf.
Das tut zwar ein wenig weh, die Muskeln sind hart und rebellieren gegen das Laufen.
Doch Martin Stäbler nimmt die Schmerzen hin. Das ist schon okay. Vielleicht muss das so sein.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
