OH SHIT!
TANZ DER VIREN II
Beim Nationalmuseum biegt Martin Stäbler in den Englischen Garten ein. Gleich wird er – so stellt er es sich vor – die 30-Kilometer-Marke passieren. Er ist zweidreiviertel Stunden unterwegs, das ist eine gute Zwischenzeit für ihn (zumal er am Hauptbahnhof getrödelt hat).
Aber seit ein paar Minuten tut er sich schwer. Es schneit wieder stark, der Wind nadelt im Gesicht, die Füße sind nass, die Schuhe klatschen mit einem schweren Geräusch in den Matsch.
Alle Leichtigkeit ist weg. Wahrscheinlich kommt die auch nicht wieder.
Blöd ist das.
Ich muss mir das nicht antun, denkt Martin Stäbler. Ich muss mich nicht schinden. Ich habe frei von der Familie, das sollte ich genießen.
Es dauert nicht lang – nicht mal bis zur großen Wiese, dann hat sich Martin Stäbler selbst überredet.
Er trudelt aus, zieht einen Energieriegel aus der Anoraktasche, isst den Riegel, trinkt den Rest vom Wasser, wirft die Flasche in einen Müllbehälter.
Dann marschiert er mit strammem, aber unanstrengendem Schritt nordwärts durch den Englischen Garten. Der Wind ist vergessen, die Füße signalisieren Entwarnung, Martin Stäbler freut sich an diesem grauen ungastlichen Morgen.
Es darf wieder gedacht werden.
Am Chinesischen Turm steht ein Paar und knutscht. In den Ruhepausen halten sich die Frau – knuddelklein, sehr rote Lippen, Glückslachen – und der Mann – rundlich, Baskenmütze, Dreitagebart – an den Händen und blicken einander verliebt an. Ihre Welt ist so klein, dass gerade mal zwei Menschen drin sein können. Und sie ist wohl so groß, dass das Universum locker reinpasst.
Love! Love! Love! Je t’aime. Hotel California. Samba Pa Ti. Only you.
Seltsam, dass ihm diese Melodien jetzt durch den Kopf gehen.
Das waren die Songs, die ihm das Kreuz gebrochen haben, sozusagen.
Er erinnert sich, wie Irene und er – beide ordentlich angeschickert – in eine Runde Stehblues getaumelt sind. Sie haben sich aneinander gedrückt, Irene war eine wunderbar weiche Frau.
Sie tanzten und küssten sich, tranken und landeten bei ihr im Bett.
Er war nicht konsequent, er hätte sie nicht mehr wiedersehen dürfen.
Stattdessen haben sie aufs Neue getanzt und sich geküsst. Sind wieder nebeneinander aufgewacht und haben gefrühstückt. Irene verdiente mit ihrem Modeladen viel Geld, sie überredete Martin, zu ihr in die große Haidhausener Wohnung zu ziehen. Sie sorgte dafür, dass er das Finale an der Uni summa cum laude hinlegte. Dass er sich bei guten Unternehmen bewarb und eine Stelle bekam. Irene machte aus Martin einen ordentlichen Mann mit Aussichten auf eine vorzeigbare Karriere.
—
Jetzt marschiert er durch den Englischen Garten und wundert sich.
Warum hat er mitgemacht, damals?
Er hätte Nein sagen sollen.
Zu dem Job in einem Büro, in dem es nur darum ging, die Anderen zu überholen.
Zur Entscheidung, dass Irene die Pille absetzte.
Er hätte Nein zu Kindern sagen sollen.
Zu der größeren Wohnung in Schwabing.
Zum Urlaub all inclusive in Mallorca.
Zum Heiraten.
Zu dem ganzen Quatsch.
Er hätte seine Laufschuhe anziehen sollen und weg rennen. Ganz schnell, ganz weit, ohne einen Blick retour.
Hätte, hätte – Fahrradkette.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
