RED! SAG WAS!
„2017”*, Folge 61, 17. November. “Durchs Land”/III.
Wolfratshausen. In der Bäckerei reden sie drüber, dass „Hubert und Staller“ kommende Woche zum 100.en Mal im Fernsehen ermitteln werden. Die Leut‘ sind sich nicht ganz sicher. Schadet das dem schönen Wolfratshausen, weil die Bullen ziemlich deppert sind und das Verbrechen plump durchs Voralpenland wabert? Oder soll man sich geschmeichelt fühlen, weil der Ort Schauplatz einer der wenigen intelligenten deutschen TV-Produktionen ist?
Ach was! „Hubert und Staller“ ist geil. Das Land könnte so schön schräg sein…
„Wagen 3, bitte kommen!“ – „So ein Schmarrn. Da hamma genau einen Wagen – aba samma Wagen 3.“
„Isses eigentlich ‘nZufall, dass Sie immer grad vor Ort sind, wenn’s ‘n Toten gibt?“
„Ich will keinen Artikel mehr lesen, in dem die Wörter ,Polizei‘ und ,ahnungslos‘ gleichzeitig vorkommen!“ – „Chef, des is aber der Artikel von gestern, da hamma des noch net gewusst.“
„Kleiner Tipp: Des Schwarze, des san de Buchstabn.“
„Frau Kramer, wir stecken unter keiner Decke, mit niemandem. Und überhaupt: Der Saft is beschlagnahmt.“
Weitermachen, Wolfratshausen. Ende.
Den Alkohol vertrug Sebastian Krohn schon seit Jahren nicht mehr. Jeden Nachmittag um drei fuhr er in die Wirtschaft und trank dort bis um sieben Uhr abends Weißbier. Dann stieg er in seinen Porsche und kurvte heimzu.
Bis ihn eines Abends die Polizei abpasste. Dann war der Lappen weg. Und ein Stammtischbruder musste den Krohn nach Hause chauffieren. Fahrpreis: zwei Bier.
Manchmal – alle zwei Monate vielleicht – ging es am Stammtisch außerplanmäßig hoch her. Jemand wurde begraben, ein besoffener Bauer hatte zuviel Geld im Hosensack, man feierte einen Feiertag. Freibier gab’s und Schnaps.
Das führte bei Sebastian Krohn zu Granatenräuschen. Er verletzte sich bisweilen, geriet in eine belanglose Rauferei, kam erst um Mitternacht nach Hause und war danach krank.
Der Alkohol machte ihn nun platt.
Einmal stieß Sebastian Krohn die wuchtige, im 17.en Jahrhundert gebaute und beschnitzte, eichene Eingangstür der Villa auf und taumelte ins Wohnzimmer. Er plumpste in einen Sessel und rülpste in Richtung des Fernsehers.
Fragte seinen Sohn, der zu Besuch war, was er denn da so interessant fände.
Ein Krimi, sagte Hans. Die Mutter und er sähen sich einen Krimi an.
Der alte Krohn schnaufte. Er habe das nie verstanden: diese Vorliebe seiner Frau für Krimis. Was fand sie nur an diesem Derrick? Das sei doch kein Mann.
Pscht, machte Frau Krohn. Sie war richtiggehend sauer.
„Scheiße“, raunzte Krohn. Fragte seinen Sohn, ob er ein Bier mit ihm trinken wollte.
Hans nickte. Sie wechselten hinüber ins Esszimmer an den vier Meter langen grob gehobelten Lärchentisch. Hans holte aus der Küche zwei Flaschen Bier.
Da saßen sie nun.
Hans Krohn, ein junger Mann, der gerade Sport getrieben hatte. Frischer Teint, ein offenes Gesicht. Noch kein Plan, was in den nächsten Jahren werden würde. Wahrscheinlich wäre es was mit Fotografie oder Malerei, man würde sehen. Keine großen Sorgen hatte er. Probleme mit Mädchen auch nicht, er war ein Luftikus, das mochten manche.
Sebastian Krohn, ein verwitterter Trinker, der das Saufen an diesem Tag übertrieben hatte. Grau und violett war die Haut, der Mann starrte mit seinen blutunterlaufenen Augen meist auf den Fußboden. Es war Jahre her, seit er zum letzten Mal eine Idee in sein Moleskin skizziert hatte. Nun kritzelte er lange Zahlenreihen ins Buch. Das waren die Schulden, die Belastungen, die erhofften Einnahmen, der Jahresabschluss. Es wurden immer mehr Schulden und Zahlungen. Die Einnahmen kamen nicht mehr. Und am Jahresende hatten die Krohns das nächste dicke Minus.
An diesem Abend erzählte Sebastian Krohn seinem Sohn von einem Haus, mit dem er die Tiroler Kulturszene verstört hatte. Es war ein Bauhaus-artiger Kasten aus Granit und Glas, der aus einem felsigen Steilhang heraus wuchs und auf Stelzen ins Tal ragte. Im Fels gab es eine Schwimmhalle, die Wohnräume erreichten die Bewohner mit einem Aufzug.
Die Politiker und die Redakteure der lokalen Presse hatten geschäumt. In der „New York Times“ hatte jemand geschwärmt, dass die Tiroler die Zukunft vorweg nähmen. Einen Preis hatte das Büro Krohn bekommen…
Er hätte immer so weiter geprahlt. Es war nicht zu ertragen, das selbstherrliche Geschwurbel. Hans Krohn wollte nur, dass der Betrunkene nicht mehr redete. Er fragte:
„Sag‘ mal Papa?“
„Was?“
„Du redest nie über Deine Kindheit. Hast Du keine gehabt?“
Sebastian Krohn schwieg wirklich. Er dachte angestrengt nach. Im bösen Gesicht gewitterte es.
„Ich weiß nicht, was Du Dir erlaubst. Das geht Dich nix an.“
Schon gut. Hans setzte die Flasche an. Er würde austrinken und gehen. So hatte er es gelernt.
„Aber ich werde es Dir sagen.“
Hans stellte die Flasche wieder auf den Tisch.
„Ob ich eine Kindheit gehabt habe, willst Du wissen. Das ist eine saudumme Frage, das ist Dir schon klar?
Kindheit!
Da kann ich nur lachen.“
Und Sebastian Krohn sprach.
*“2017“ beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der „Heimat“.
