DOCH KEIN HELD
„2017”*, Folge 60, 16. November. “Durchs Land”/II.
Pähl. 20 Hansel treffen sich, um zu jammern. Bei der Winterversammlung der Waldbesitzervereinigung (WBV) Weilheim in Pähl kommen den Forstmenschen schier die Tränen. Sie sind schon arg in Not. Und wer ist schuld?
Die Käfer und das Wetter.
Das ganze Jahr über haben sich die Käfer durch die Wälder der Region genagt, dann fiel am 1. August ein Gewittersturm übers Land her. Es gab mächtig viel Windbruch. Die Gegend sei zwar nicht so stark betroffen gewesen wie der Landkreis Starnberg oder die Gegend um Passau, dies nütze den hiesigen Waldbesitzern aber wenig, denn „das ganze Holz kommt auf den Markt und drückt den Preis“. Förster Luitpold Schneider lamentiert weiter: „Das Jahr ging mit dem Käfer los, das Wetter hat uns den Rest gegeben. Und eine Besserung sehe ich nicht. Die Viecher sind immer noch da – und Wetter gibt’s immer.“
Als Sebastian Krohn schon ein bekannter Architekt war, bekam er Besuch von einem Verleger. Der hieß Jochen Ebing und war ein imposanter Zeitgenosse. Fast zwei Meter groß. Blonde dichte Haare, die glatt bis zu den Schulterblättern fielen. Blaue Augen, ein strahlendes Lächeln, Kaschmirpullover, Jeans, Turnschuhe, eine englische dunkelblaue Cabanjacke mit Goldknöpfen.
Ebing fuhr im Jaguar E-Type vor, hatte für Frau Krohn einen riesigen Blumenstrauß mitgebracht und für Hans die Erstausgabe eines Oskar-Maria-Graf-Romans (er hatte mit Krohn junior einmal am Telefon über dessen Lektüre-Vorlieben gesprochen und sich den Graf gemerkt).
Dieser Ebing besaß einen feinen Verlag und wollte ein Buch über Sebastian Krohn machen. Nun, da es zwischen dem Autor und Krohn nicht ganz rund lief, schaltete er sich als Vermittler ein.
Er lachte viel und brachte große Heiterkeit in das Vorzeige-Haus des Architekten. Kuchen nahm er gern, aber bei Kaffee winkte er ab. Sebastian Krohn holte Weißwein aus dem Keller. Ebing fragte Hans Krohn, der den Führerschein seit einem halbem Jahr hatte, ob er ihn nicht nach München chauffieren wolle.
Nach München? In dem Jaguar?
Ja, sicher. Er könne doch jetzt fahren, oder.
Klar habe er den Führerschein, versicherte Hans Krohn aufgeregt. Er halte sich bereit.
Der Vater wollte den Sohn aus dem Haus schicken, doch Ebing winkte ab. Der junge Mann könne durchaus bleiben, das sei mehr als okay.
Hans setzte sich in eine Ecke und hörte zu.
So hatte er seinen Vater noch nie erlebt. Er hatte eine weiche Stimme und immer ein Ja für seinen Gast. Er fand Ebing klasse – zumindest wiederholte er das so oft, dass es peinlich wurde. Ebing, der den Wein schnell und freudig trank, winkte ab. Ihm waren Lobhudeleien lästig.
Krohn senior hielt sich mit dem Alkohol zurück. Eine Weile zumindest – dann wurde Ebing sehr lustig, und Sebastian Krohn zog beim Saufen nach.
„Sagen Sie, Krohn, was ist das Problem mit meinem Autor? Das ist ein sensibler Mann – ich kann mir nicht erklären, warum Sie mit dem nicht klar kommen.“
Keine Frage, erklärte Krohn, der Schreiber sei in Ordnung. Gut vorbereitet, er habe Ahnung von der Materie, er könne formulieren und habe Manieren. Das stehe außer Frage, aber…
„Aber? Was heißt ,aber‘?“
Er ziehe das Buch zu biographisch auf. Krohn wolle keine Selbstbespiegelung. Ihm gehe es um die Architektur. Um die Philosophie hinter seiner Arbeit. Um eine politisch-gesellschaftliche Einordnung…
„Aber Krohn, mit Verlaub, das kann ich den Lesern nicht verkaufen. Die wollen wissen, wer sich diese tollen Häuser ausgedacht hat. Die wollen den Menschen Krohn kennenlernen. Seine Kindheit. Das Elternhaus. Wo er zur Schule ging. Wie er in den Beruf gewachsen ist. Ein bisschen Privates. Krohn, Sie sind eine öffentliche Person – da müssen Sie sich auch ein wenig öffnen.“
Ebing gefiel sein Wortspiel. Krohn war überhaupt nicht amüsiert. Nein, da habe er seine Grundsätze. Er werde nichts über den privaten Sebastian Krohn erzählen.
„Gut“, sagte Ebing, der ein gelassener Verhandler war. „Reden wir heute nicht mehr drüber. Ein andermal vielleicht.“
Es werde kein Andermal geben, erklärte der Gastgeber. Ob er nachschenken dürfe?
„Ich bitte darum.“
Stunden später saß Ebing neben Hans im Jaguar und lachte sich scheckig über „diesen Sturkopf, der Ihr Vater ist. Ist der immer so?“
Immer, sagte Hans und schaltete einen Gang hoch. Geil.
„Fahren Sie die Karre ruhig aus. Die kann’s brauchen.“
Hans drückte das Gaspedal, und Ebing schlief ein.
Übrigens: Das Buch hat es dann nicht gegeben. Ebing verließ drei Monate nach dem Besuch in den Bergen ein Meeting in seinem Verlagshaus vor dem Ende.
Wortlos.
Er sagte seiner Sekretärin nicht, wohin er wolle. War einfach weg. Später fand die Polizei heraus, er habe einen Flug nach Cassablanca gebucht. Dort wurde er noch in einschlägigen Pinten gesichtet.
Dann nichts mehr.
Der Verlag bekam eine neue Spitze. Das waren nüchterne Geldverdiener. Denen war ein Buch über den kauzigen Architekten aus den Bergen zu riskant.
So musste Sebastian Krohn wieder nicht über seine Kindheit Bericht erstatten.
War ihm recht.
Er hat nur einmal in seinem Leben über diese Zeit geredet. Da war er alt und betrunken und unbeherrscht.
*“2017“ beginnt in der Kalenderwoche 38 des Jahres 2017 und endet am 31. Dezember. Thema: 105 Tage Deutschland. Unterwegs in der „Heimat“.
