GESTATTEN…
7. märz 2017 ——- DER NEUE, Tag 47
New York, 1980
Zunächst lag die „Time“ auf einem Beistelltischchen in der Empfangshalle. Zwei, drei Wochen knutschte da auf der Titelseite einer von unseren Jungs eine ihm unbekannte Krankenschwester ab, weil die Japsen kapituliert hatten.
Natürlich habe ich nicht begriffen, was da alles in dem Foto steckte. Ich sah aber, wie froh meine Eltern waren – und das hing dann doch irgendwie mit dieser Knutscherei zusammen.
Der Vater mochte das Bild so sehr, dass er es rahmen und in der Bibliothek aufhängen ließ.
Das war bemerkenswert, weil Dad sonst nie was rahmen ließ. Er hatte keinen Spaß an Bildern. Überhaupt – Kunst und Musik, Bücher und der ganze Kultur-Kram waren nicht seins.
Wenn er etwas hätte rahmen lassen, dann wären es Kontoauszüge oder Wertpapiere gewesen.
Nun, der knutschende Matrose bekam einen Ehrenplatz in einer Bibliothek, in der die Bücher nach Größe gestaffelt in den Regalen standen und regelmäßig abgestaubt wurden. Manchmal las Mutter etwas übers Theater, Maryan hatte es mit der Erdkunde, später würde ich bei den französischen Romanciers nach Schlüpfrigem stöbern.
Aber ich schweife ab.
Als die Japaner im großen Krieg klein beigaben, brach bei uns die heile Welt aus. Vater und Mutter hatten noch weniger Zeit für uns Kinder. Sie waren sehr aufgekratzt und tuschelten – Jane und der Chauffeur sollten nicht hören, was da geredet wurde. Vater hatte sein Büro nun nicht mehr im Haus, er rief sein „Bis heute Abend, Leute!“ vor dem Frühstück, bevor er in die Stadt fuhr.
Meistens kam er nach Hause, wenn ich schon im Bett war.
Wir hatten nun oft Besucher. Das waren Männer wie mein Vater und Frauen wie meine Mutter. Die Frauen, bunt angezogen und mit drolligen Hüten, schnatterten und lachten. Die Männer, sie zogen nie das Sakko aus und hatten stechende Augen, saßen still daneben. Man aß – und wenn die Desserts durch waren, haben sich die Männer in die Bibliothek abgesetzt.
Zum Rauchen, hieß es.
Mich hat das sehr interessiert. Ich war ja schon fast acht, da bekommt man so einiges mit. Vor allem ahnte ich, dass große Dinge im Gange waren, wenn Dad mit einem seiner neuen Freunde zum Rauchen verschwand.
Ich habe die Mutter gefragt. Sie meinte, ich sei noch zu jung, all das zu verstehen. Nachfragen sinnlos.
Ich redete mit Jane darüber. Es war während eines Ausflugs in den Park. Jane machte ein ernstes Gesicht und sagte: „Deine Eltern arbeiten sehr viel, und sie werden sehr reich. Sie bauen für unsere Soldaten Häuser, das ist eine gute Sache.“
Nundenn. So sollte es sein. Hauptsache, den Eltern ging es gut. Dann bekam ich mehr Geschenke.
Ich lernte, was eine Schwangerschaft ist. Das war, als ich der Mutter nicht mehr zu nahe kommen durfte. Sie wurde sehr rund und unbeholfen, sie hatte Launen. Der Vater hat sich schön um sie gekümmert, sogar den Stuhl hat er ihr untergeschoben, wenn sie sich setzte.
Eines Tages sagte sie zu Jane:
„Seien Sie so nett, Liebes, und lassen den Wagen vorfahren. Ich glaube, es geht los.“
Jane nickte. Sie gab dem Chauffeur Bescheid, holte das kleine Köfferchen, das man schon gepackt hatte, und begleitete Mutter zum Wagen.
Mom sah aus, als ob ihr etwas sehr weh täte, als sie mich streichelte. Sie meinte: „Sei schön brav. In ein paar Tagen bin ich wieder da und bringe ein Geschwisterchen mit.“
Musste ich mir Sorgen machen?
Ich sah zu Jane hoch. Und weil Jane sehr fröhlich dem Wagen hinterher guckte, beschloss ich mir, mich fürs Erste über die sturmfreie Villa zu freuen.
In der Tat kam Mutter ein paar Tage später wieder nach Hause. Sie war blass und ein wenig schwach, musste sich gleich hinlegen. Uns – Adam, den Chauffeur, Jane, das Kindermädchen, meine Schwester Maryan und mich – ließ sie allein mit dem Menschlein, das da fest eingewickelt in der Wiege lag, einen roten Kopf hatte und so brüllen konnte, dass das Haus vibrierte.
Das war Donald. Donald T. Der Typ, der mir das Leben vergällen würde.
Morgen: Satansbraten I
