FALSCH GEWICKELT
- februar 2017 —– winter 16/17, Folge 44
New York, 1980
„Falls Sie wirklich meine Geschichte hören wollen, so möchten Sie wahrscheinlich vor allem wissen, wo ich geboren wurde und wie ich meine verflixte Kindheit verbrachte und was meine Eltern taten, bevor sie mit mir beschäftigt waren, und was es sonst noch an David-Copperfield-Zeug zu erzählen gäbe, aber ich habe keine Lust, das alles zu erzählen.“
Nein, so geht das nicht. Der Text gehört nicht mir. Er gehört nicht Fred T. Der gehört seinem Lieblings-Schriftsteller. Aber ein Fred T. schreibt nicht ab. Nicht mal, wenn es der „Fänger im Roggen“ ist.
Da gibt es viele „Fänger-im-Roggen“-Sätze, die Fred T. gedacht haben könnte:
„Wenn ich Pianist oder Schauspieler oder sonst etwas wäre und alle diese Esel mich für fabelhaft halten würden, könnte ich das nicht vertragen. Ich möchte nicht einmal, dass sie auch klatschen würden. Die Leute klatschen immer für das Verkehrte.“
„Ich bin im Grunde sehr verschwenderisch. Und was ich nicht ausgebe, verliere ich. Meistens vergesse ich sogar, in Restaurants und Nachtlokalen und so weiter, das Wechselgeld an mich zu nehmen. Meine Eltern macht das rasend.“
„Letztes Jahr nahm ich mir vor, keinen Blödsinn mehr mit Mädchen zu machen, die ich im Grunde nicht gern hatte. Aber dann verstieß ich in derselben Woche dagegen, in der ich den Vorsatz gefasst hatte – sogar noch am gleichen Tag. Ich gab mich den ganzen Abend mit einer dummen Gans ab. Vom Sex verstehe ich einfach nichts, im Ernst, nichts.“
Echt: Das hätte auch ein Fred T. schreiben können. Aber die Sätze gehören Salinger.
Ein Fred T. hat etwas Eigenes zu erzählen.
Ich will mich ja nicht selbst zu sehr loben, das schickt sich nicht. Aber ich darf schon darauf hinweisen, dass mir die Lehrer immer bescheinigt haben, ich hätte ein Talent zum Schreiben.
Das glaube ich auch.
Vielleicht hätte ich Schriftsteller werden sollen, nicht Pilot. Vielleicht wäre dann alles ein wenig erträglicher gewesen.
Ach was! Machen wir uns nichts vor. War schon in Ordnung, die Sache mit der Fliegerei.
Das waren die besten Zeiten: da oben, mit der schwerelosen Helligkeit über mir. Weit unten des Wolken-Chaos, durch das wir ins Licht gestoßen waren. Das Brummen der Maschine, die kleinen Geräusche, die die Stewardessen beim Vorbereiten des Services machten. Der schale Kaffee, der besser schmeckte als in der schönsten Bar Venedigs. Das fast unfühlbare Vibrieren im Sitz. Das Gefühl, eins mit dem Flugzeug zu sein.
Nein, das Fliegen hat mich nicht ans Saufen gebracht.
Halt. Ich schweife ab. Fangen wir noch einmal an.
1945 war meine Kindheit am schönsten. Entzückt erlebte ich, dass die Welt ein großes Wunder war.
Wochen schon waren die Eltern wie verwandelt. Die Mutter sang ohne Anlass. Nun, Singen kann man das wohl nicht nennen. Mutter summte Melodien. Plötzlich waren sie wieder da, die Melodien, die ein Jahr zuvor aus unserem Haus verschwunden waren.
Die Eltern hatten damals erklärt, dass der große Glenn Miller nicht mehr da sei. Verschollen vom Radar. Kein „In the Mood“ mehr und kein „One O’Clock Jump“ oder „Chattanooga Choo Choo“. Glen Miller wurde nicht mehr gespielt – sonst hätte Mutter das Trauern wohl noch schwerer ertragen.
Jetzt aber summte sie von morgens bis abends. Die Platten lagen wieder offen neben dem Phonographen und wurden rauf und runter genudelt.
Wir Kinder waren erstaunt und angenehm berührt. Etwas Großes tat sich, wir spürten es.
Dann kam der Mai, und eines Tages umarmte Vater die Mutter am helllichten Tag. Die Jungs, sagte er, hätten es geschafft. Jetzt würden große Zeiten anbrechen.
Mutter nahm mich mit ins Kino. Wir sahen die „Drei Caballeros“ von Walt Disney. Ich habe den Film gemocht, weil alles so lustig war. Aber noch mehr beeindruckt hat mich das Vorprogramm. Da waren Soldaten zu sehen, die lachten und die amerikanische Fahne schwenkten. Das hatte ich bisher immer anders gesehen: Da waren die Soldaten ernste Männer gewesen, die mit Gewehren schnell rannten oder mit ihren Schiffen und Flugzeugen in großen Gefahren waren.
Jetzt schwenkten sie Fahnen. Und eines Tages lag eine Illustrierte bei uns auf dem Tisch im Foyer, auf der ein Soldat eine Frau küsste. Die Frau bog sich, rund um die Beiden waren andere Menschen, die mit Konfetti warfen und Hüte in die Luft hoben. Alle lachten, und der Vater ließ die Zeitung wochenlang auf dem Tisch liegen, sodass jeder sie sehen musste.
Für mich war alles wunderbar. Mutter lachte und war sehr fröhlich. Sie umarmte mich immer wieder, ohne dass ich etwas Besonderes gemacht hätte. Sie erlaubte mir Süßigkeiten, sie erlaubte sowieso fast alles.
Und der Vater redete mit uns Kindern. Fragte mich, ob es mir gut ginge, was ich denn da bastle, wer meine Freunde seien – solche Sachen.
Dann ging er wieder zur Mutter und umarmte sie.
Ich wusste nicht, wie ich all das deuten sollte. Aber besser, ich machte mir keine großen Gedanken. Es war sehr angenehm und so sollte es auch bleiben.
Was ich nicht ahnte, nicht ahnen konnte: Das waren die letzten unbekümmerten Tage für mich. In ihrem Hochgefühl haben die Eltern sich zurückgezogen und gevögelt, was das Zeug hielt. So lange, bis Vater der Mutter den Samen für Donald eingepflanzt hatte. Und dann war auch bald Schluss mit lustig bei uns zuhause.
„Junge“, sagte Dad zu mir, „jetzt kommt unsere große Zeit. Du wirst sehen.“
Ich nickte und linste rüber zu Mutters großem Bauch. Da drin wuchs das Monster Donald vor sich hin. Und keiner ahnte, wie das nochmal werden würde.
