KRIEGSHELD
22. februar 2017 —– winter 16/17
Florida, im Februar 2017
Sie werden es nicht glauben – aber Steve ist ein anspruchsarmer Mann. Steve B. braucht nicht viel zur Zufriedenheit.
Er hat ein paar Millionen in petto, besitzt ein Stadthaus in Downtown Manhattan und eine weitläufige Suite im Trump International Hotel – von da sind es 1300 stramme Schritte ins Weiße Haus (das ist dann auch genug Sport für den Tag). Steve hat keinen Wagen und keinen Chauffeur. Die Wäsche lässt er im Hotel machen (oder er schmeißt die alten Plünnen weg und kauft neue).
Die Ex-Frauen sind versorgt (nicht nur die, mit denen er verheiratet war. Da gab es auch noch eine kleine Handvoll Gefährtinnen, die er sich mit Abfindungen vom Hals geschafft hat). Die Kinder studieren und lernen eifrig; wenn sie Geburtstag haben oder vor Weihnachten kümmern sich Steves Sekretärinnen um die Geschenke – die Damen haben den Überblick darüber, was er früher schon gekauft hat.
Steve ist mäßig interessiert an Sport. Musik und Theater findet er zum Kotzen langweilig. Er sammelt nichts und verplempert seine Zeit nicht mit Freizeit.
Er geht zum Friseur, wenn ihm das Gestrubbel auf dem Kopf zu lästig wird. Steve meidet die Sonne, er ist ein rötlicher Typ, der schnell Sonnenbrand bekommt. Dass er eine kleine Wampe hat, stört ihn nicht.
Die Frauen-Geschichten hat er hinter sich. Wenn ihm nach Sex ist, sorgt er dafür, dass ihm dezent einer geblasen wird. Dann ist es aber auch gut. Mehr Frau mag er nicht mehr in seinem Leben haben.
Steve hat keine großen Ansprüche.
Nur eines treibt ihn an:
Er will die Welt umstürzen. Er wird die Welt umstürzen. Sie wackelt schon, die Welt.
Nun sitzt er in seiner Suite im Mar-a-Lago, auf dem Tisch ein roter Bordeaux, und liest im Manuskript, das ihm Donald gegeben hat.
Es ist still. Steve B. trägt jetzt einen gemütlichen grauen Kaschmir-Pullover. Massig sitzt er im schützenden Fauteuil. Ein Mann mit einem ungesund gedunsenen Gesicht. Die Adern rund um die Nase sind geplatzt, die roten Augen nässen, die Tränensäcke hängen tief. Da sitzt ein angeknockter Alkoholiker, der sich zu wenig um seine Gesundheit kümmert.
Vorsicht! Nur kein Mitgefühl!
Da sitzt ein gefährlicher Mann und studiert ein gefährliches Papier.
Steve B. ist blitzgescheit. Der Mann mag noch so betrunken sein – er weiß, was er will. Hat mal ein Drehbuch für einen Film geschrieben, da sollte Shakespeares „Titus Andronicus“ ins Weltall verlegt werden. B. ließ den Text so beginnen: „Menschheit in Chaos. Außerirdische Raumschiffe schälen sich aus dem Dunkel, sonnenlose Himmel, Menschen fliehen in Panik.“
Er war ein Marine mit der Lizenz zum Killen. Er hat Filme produziert. Er hat eine erzkonservative Hetz-Postille gemacht. Mit Zorn hat er seine Karriere voran getrieben. Steve hat nach dem 11. September 2001 beschlossen, dass er die Menschheit retten werde.
Die Welt ist aus den Fugen. Er konnte nicht mehr ansehen, „wie eine Kultur aus Gier, Elitismus, Diskriminierung und Unmenschlichkeit sich heute in selbstzerstörerischen Grausamkeiten wiederholt.“
„Das Dunkle gewinnt“, sagt Steve B. „Dick Cheney. Darth Vader. Satan. Das ist Macht. Lenin ist Macht. Lenin wollte den Staat zerstören, und das ist auch mein Ziel. Ich möchte alles zusammenkrachen lassen und alles vom heutigen Establishment zerstören.“
„Wir sind im Krieg“, sagt Steve. Jeden Morgen stehen wir auf, und die Waffen liegen schon da. Wir müssen in den Krieg, wenn wir nicht untergehen wollen. Wir werden in fünf bis zehn Jahren im Südchinesischen Meer in den Krieg ziehen, oder etwa nicht? Darüber kann es keinen Zweifel geben.“
Für Steve sind das behagliche Gedanken. „Das wird ein sehr hässlicher, langer, sich hinziehender Kampf. Wir brauchen Wut, denn Wut ist eine gute Sache. Ich habe sie, die Wut, ich habe echt genug davon.“
Steve B. macht es sich gemütlich, er legt die Füße auf die Glasplatte des Tisches. Noch ein Schluck, dann beginnt Steve B. den Text des Fred T. zu lesen.
Ein Säufer beschäftigt sich mit dem Manuskript eines Säufers. Der Mann, der geschrieben hat, ist am Leiden und am Suff krepiert. Der Mann, der jetzt liest, ist auf dem Kriegspfad. Und er braucht den Alkohol vor allem für seine Wut.
Morgen: Queens, Mom, Dad
