ZOO-ROMANZEN
berlin, 10. januar 2017 —- winter 16/17, Folge VII
Harry gibt in der Regel am frühen Abend den Geist auf. Dann machen ihn die Tabletten ganz rammdösig. Karin füttert ihn und bringt ihn ins Bett. Schwer schnaufend lässt sich ihr Mann in die Plünnen sinken.
Er ist nur noch ein Strich. Die Wangen eingefallen, die Augen in tiefen dunklen Höhlen. Karin meint sogar, dass in den letzten Monaten nicht mal der Bart richtig wächst. Sie muss ihren Mann noch zweimal in der Woche rasieren, höchstens.
Sie streichelt Harry über die heiße Stirn, wünscht eine gute Nacht und zieht die Schlafzimmertür sachte zu. Sie lässt sie angelehnt – man weiß nie, die Krisen des Mannes kommen unerwartet.
Karin schaltet den Fernsehapparat und setzt sich seufzend in ihren Sessel. Einfach nicht nachdenken. Nicht an heute und nicht an morgen. Gestern lohnt auch nicht.
Abendschau. Sie schalten rüber in den Zoo. Großes Gedränge. Eine aufgeregte Reporterin.
Zoo ist immer gut. Karin mag Tiere – Mensch, sie war schon lange nicht mehr im Zoo. Dabei liebt sie es. Die Raubtiergehege, die Affenfelsen, die Streichel-Abteilung.
Wirklich aufgeregt ist diese Reporterin. Was die nur hat? Karin stellt lauter.
Gezeigt wird der Eisbären-Nachwuchs. Knuddliges Kerlchen mit Knopfaugen. Ah, der wird heute zum ersten Mal der Presse vorgestellt. 500 Journalisten aus der ganzen Welt. Massen von Menschen. Alle wollen das kleine Tier sehen.
Knut.

Die Reporterin erzählt von Knuts Bruder, der kurz nach der Geburt eingegangen ist. Dass Mutter Tosca den Kleinen nicht angenommen hat, Bären-Vater Lars hat sowieso kein Interesse gehabt. Schwenk zu einem wild aussehenden Pfleger. Das sei der Thomas Dörflein, der habe Knut aus dem Brutkasten geholt, sich ein Zimmer im Zoo geben lassen und den Baby-Bären mit der Hand groß gezogen. Rund um die Uhr habe er sich um Knut gekümmert. Rührend – dieser große Kerl von Mann und dieses verspielte weiße Fellbündel. Dieser Frechling mit den lustigen Knopfaugen. Ein echt süßes Tier.

Am nächsten Morgen versorgt Karin ihren Harry und erklärt anschließend, sie sei jetzt mal weg.
„Wohin willste?“
„Ick fahr‘ mal wieder zum Zoo.“
„Wie das? Warum? Was Besonderes?“
„Ick kuck’ mir den Eisbären an. Den Knut.“
„Na, denn viel Spaß.“
Sie macht sich stadtfein und reist in die City. Bus, U-Bahn. S-Bahn. Am Zoo ist ein großes Hauen und Stechen, geduldig reiht sich Karin in die Schlange, lässt sich dorthin treiben, wohin es alle zieht.
Dann steht sie vor dem Gehege und mag gar nicht mehr weg.
Knut.
Thomas Dörflein.

Sie bleibt, bis geschlossen wird. Es ist früher Abend, S-Bahn. U-Bahn. Bus. Harry ist besorgt, als sie endlich in der Wohnung ankommt.
„Was haste denn so lang gemacht? Ist ja schon lang dunkel.“
„Ja, tschuldijung. Haste jejessen?“
Nein, hat er nicht. Ist ihm nicht recht wohl gewesen. Da wollte er nicht in der Küche rum machen.
„Haste Deine Pillen jenommen?“
Auch nicht. Na gut, grummelt sie, dann wird man das jetzt erledigen.
Harry bekommt seine Suppe, die Tabletten wirken rasch. Karin bringt ihren Mann ins Bett. Streicht ihm über den Kopf und setzt sich vor den Fernseher.
Sie ist nicht zu spät dran für die Abendschau. Sie zeigen ein paar Minuten das Treiben ums Bärengehege. Einmal glaubt Karin, sich im Film zu sehen. Ganz aufgeregt ist sie. Richtig euphorisch. Die Gedanken rasen nur so in ihrem Kopf. Das war ein wunderbarer Tag. Und das wird eine herrliche Zeit. Eine Jahreskarte für den Tierpark wird sie sich kaufen.
Das Leben ist so schön – so schön war es wohl noch nie für Karin aus Britz, die sich schon jetzt fühlt wie die Karin vom Zoo.

„Wir ham stundenlang am Jeheje jestanden. Jedn Tach. Da haste nur Knut angekuckt. Läuft der von A nach B, läuft der von B nach A, hebt der die rechte Tatze, hebt der die linke Tatze? Wie kuckt der heute? Isser freundlich, wenn man ihm jerufen hat?
,Knuutii?!‘, hamwer jerufen. Denn hat er gekuckt – oder auch nich. ,Knuutii?!‘
Da war schon wat los. Wa?
Und immer det Jeheje knackenvoll.
Wenn der Thomas Dörflein mitm Futtereimer jekommen is, denn ham die Leute mit die Ellenbogen jearbeitet, weil sie möglichst nah dran sein wollten.
Dit war ‘n Pfleger, sach ick Dir. ‘n toller Pfleger. Hat schon einen riesengroßen Braunbären (der war höher als er selbst) groß gezogen, ‘nen Wolf ooch. Dit war ein echter Kerl mit den Tieren. Aus Berufung Tierpfleger, nicht aus Beruf.
Eine sehr sympathische Stimme hat er jehabt. Nich so hell, so schrill. Ne männliche Stimme. Der sah ja ooch jut aus, am Anfang – naja, später hat er den Krebs jehabt, dit war furchtbar.
Er und sein Knut. Dörflein konnte nicht ohne Knut und Knut nicht ohne Dörflein. Die ham mitsammen geredet. Der Knut hat hinter dem Dörflein hinterher jerufen, wenn der jejangen is. Die ham uff Mittach beede in eem Bett jelejen, da war der Kleene schon so’n Brocken wie’n Fels.“

Der Direktor ist sauer auf diesen Pfleger, der ihm die Interviews klaut. Der Bär wächst und wird zum Raubtier. Also untersagt der Direktor dem Pfleger, das Gehege zu betreten. Das juckt den überhaupt nicht.
„Er is ja auch noch ins Jeheje, wie se et verbotn ham.“
Für die Knut-Gemeinde wird Herr Dörflein zum Helden.
„Zwei Abmahnungen hat er jekriecht. Die zweete hamse ihm zu seinem 25-jährigen Dienstjubiläum verpasst. Da gab’s keen Blumenstrauß, da gab’s ‘nen offiziellen Brief.“

Den Herrn Dörflein schmachten viele an. Er hat sowas Männliches – und ist gleichzeitig ein ganz Lieber mit seinem Bären.
Karin ist nicht eifersüchtig auf die Frauen, die mehr wegen des Herrn Dörflein als wegen des Knut kommen.
Manchmal bahnt sich da auch was an. Im Zoo spricht sich alles schnell rum.
Es stört Karin nicht, dass der Herr Dörflein gern mal mit einer Neuen poussiert. Er hat ja Charme.
Erst als sie sich vor dem Bärengehege richtig zuhause fühlt, wagt sie es, den Pfleger anzusprechen. Er ist nett, ein kesser Berliner, der mit ihr flirtet (dabei ist sie doch schon ‘ne alte Schachtel). Aufgeregt bittet sie ihn um ein Autogramm – und er schreibt ihr einen ganzen Roman auf das Knut-Foto.
Man kommt sich näher – schließlich ist man ja Nachbar. Der Herr Dörflein im Gehege, sie davor. Ab und zu nimmt er Knuts Pranke und winkt damit in Karins Richtung. Dann ist sie eine Woche lang froh. Oder er lädt sie auf einen Kaffee ein.
Dann platzt sie vor Stolz, und die Freundinnen kriegen sich nicht mehr ein vor Neid.
Ja, sie hat Freundinnen gefunden. Sie ist der treueste Knut-Fan, aber da gibt es Nebenbuhlerinnen. Hilde aus Charlottenburg zum Beispiel.
Überhaupt, diese Hilde geht der Karin manchmal mächtig auf den Keks. Von der wird noch die Rede sein müssen…

Harry, draußen in Britz, ist jetzt auf der Zielgeraden. Lang ist es nicht mehr zum Sterben. Einerseits ist es ihm ganz recht, dass Karin nun fast täglich tagsüber im Zoo ist.
Soll sie doch zu ihrem Knut. Dann ist es ruhig in der Wohnung. Ihm tut jetzt jedes Geräusch weh.
Manchmal ärgert sich Harry.
Wenn Karin wieder mal anruft und erklärt, es werde später. „Du“, sagt sie, „der Thomas Dörflein von dem Knut is hier. Ich komm‘ ‘n bissken späta, is dit okay?“
Klar sagt Harry dann. Wenn der Dörflein da ist.
Einmal kommt sie mehrere Wochen nicht in den Zoo. Harry liegt auf Intensiv, die Ärzte meinen, jetzt gehe es zu Ende, doch dann berappelt sich Harry nochmal, er will nicht sterben, das macht allen nur noch Mühe, aber was soll’s, wenn eins nicht abtreten will, dann hat man ja Verpflichtungen, wenn’s der eigene Mann ist.
Sobald Harry aus dem Gröbsten ist, fährt Karin zum Zoo. Sie trifft in der Cafeteria auf Herrn Dörflein.
„Er hat immer noch ‘nen Zopf jehabt, aber vorne waren so wenig Haare. ,Warum haben Sie sich denn die Haare abschneiden lassen?‘, hab‘ ick jefracht. Er hat nix jesagt, is schweigend weg jegangen. Ich habe mir noch jedacht, was habe ich dem denn getan, hat der schlechte Laune oder was?“
Die Freundinnen klären sie auf: Der Thomas sei sehr sehr krank.
„Wennde ihn lange nich jesehn hast, haste ihn nich erkannt. Janz tiefe Aujen, die Brauen hingen janz tief runter. Abjenommen hatte er, sone spillerije Arme hatte der. Vom Wesen war er noch wie früher. Aber jrauenhaft und schlimm hat er ausjesehen – von der Krankheit.“
2008 stirbt Thomas Dörflein. Es gibt nicht wenige, die sagen, er hätte einen schönen Stelldichein-Tod gehabt.
2008 stirbt auch Karins Mann Harry. Er quält sich sehr.
2008, sagt Karin, ist ein ganz schlimmes Jahr gewesen.
„Dit mit dem Herrn Dörflein hat dem Knut und mir et Herz jebrochen.“
Nächste Folge: Tanz auf dem Grab
