AUFM STRICH
sommer zwanzichfuffzehn XV
Während also in der kleinen Stadt ein armer reicher Mann sich in seiner Wut nicht mehr zu helfen wusste, und sich vor einem Supermarkt mit Wodka-Kaffee Mut für das Kommende ansoff, während die Sonne an Kraft noch zulegte und nachmittags das Leben draußen schwer erträglich machte, während in Berlin die Touristen hechelnd vor der Kasse am Zoo in der Schlange warteten, während im Kempinski eine junge Russin von ihrem alten Begleiter eine Kreditkarte in die Hand gedrückt bekam und dann erst einmal in der Stadt abtauchte, während in Aachen überfallartig und überraschend 150 Asylanten abgeladen und im Inda-Gymnasium abgeladen wurden, während die Kanzlerin im Urlaub unterm Ortler noch vergrämter drein sah als ihr sauertöpfischer Gemahl, während beim FC Bayern München ein Hauen und Stechen um die Stammplätze für die kommende Saison anhub, während der Wetterbericht noch mehr uund noch intensiveren Sionnenschein und vielleicht schlimme Hitze-Unwetter ankündigte:
Saß Hans Krohn vor einem kleinen Café in Neuruppin und arbeitete die “Bild” durch.
“Newtopia” sei abgesetzt worden, las er da. “Newtopia”, dieses zukunftsweisende Fernsehformat: Menschen, auf einer Farm zusammen gepfercht, versuchen, aus dem Nichts eine neue Gesellschaft aufzubauen. Besseres habe es in einem deutschen Sender bislang nicht gegeben. Nach “Newtopia” sei nichts mehr, wie es mal gewesen war.
Nun setzten sie die Sendung ab. Hatte kaum jemanden interessiert.
Schade?
War ihm doch egal. Krohn legte die “Bild” auf einen Stuhl und sah auf den Turm von Sankt Trinitatis. Wolkenloser Himmel, Sommerhitze, Mädchen in Hot Pants – und er hatte den Blues.
Das war alles nicht okay. Er wollte wieder Boden unter den Füßen haben, wolltte mit sich klar kommen – und was passiert?

Er las, dass “Newtopia” ein Flop war und dass Frau Merkel immer noch kanzlerte, er las den ganzen Müll über Flüchtlinge und ließ sich vom Treffen mit einem bösen alten Säufer aus der Ruhe bringen.
Das musste anders werden.
Er würde es erzwingen. Er würde jetzt in seinem Gästezimmer den Schlafsack und ein paar Klamotten holen – und dann raus in den Wald. Auslüften, ein bisschen Fontane lesen, unter den Sternen pennen.
Und das genießen, was er hatte. Ihm war es doch schon viel mieser gegangen. War noch nicht lange her, als er nicht wusste, wie es weiter gehen sollte.
Der Rucksack war schnell gepackt. Mit dem Bus raus aus der Stadt. Bei Altruppin in die Wälder. Langsam gehen und die Gedanken traben lassen.
Wie war das noch damals, nach den Niederschlägen, ganz am Boden? Damals auf dem “Strich” für Kerle ohne Zukunft.
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Kümmere Dich nicht um die Anderen. Streif‘ die Arbeitshandschuhe an, zieh‘ die Hose hoch und warte ab. Was Anderes bleibt Dir gar nicht übrig.
Es war kalt am Treptower Park. Hans Krohn hatte das Rad in der Nähe des Karpfenteichs angekettet und seinen Platz bezogen. Nach der Fahrt durch Kreuzberg und Neukölln fror er – trotz des gefütterten Anoraks, der Handschuhe und der Mütze. Vor allem an den Füßen, die in altersfleckigen Wanderschuhen steckten, war es Krohn kalt. Es war kurz nach vier, auf den Wiesen des Parks waberte kniehoher Bodennebel.
Zehn Meter stadteinwärts stand ein bulliger Berliner. Alter Bekannter. Er rauchte Kette und kümmerte sich sonst um nichts. Beim letzten Mal hatten er und Krohn keinen Job abbekommen und waren einander später an der S-Bahn-Station über den Weg gelaufen. Der Berliner wollte eine Runde ausgeben; als Krohn ablehnte, hätte der Andere gern eine Keilerei angezettelt.
Da hat ihm Krohn seinerseits einen Schnaps und ein Bier bezahlt und sich einen Kaffee gekauft. Der Andere hatte ihn als Weichei bezeichnet – als Hans Krohn den Imbiss verließ, war es gerade mal sieben – und es war schon wieder so ein verlorener Tag gewesen.
Zehn Meter stadtauswärts stand an diesem Morgen ein Neuer. Er sah vergleichsweise gepflegt aus. Sehniger Typ, fast schon ein bisschen ausgemergelt. Er nestelte in seinem Rucksack, holte eine Thermoskanne raus und goss sich etwas in den Becher.
Er merkte, dass man ihm zusah.
„Kaffee.“, rief er herüber. „Gut. Willst Du auch?“
Nein danke. Vielleicht später (später würde Krohn eventuell froh sein über ein Heißgetränk – der Himmel war eisgrau, und es würde wohl im Lauf des Tages noch schneien).
Er wollte sich nicht ablenken lassen. Gleich kamen die Rumänen. Da machte es sich nicht gut, wenn man am Strich stand und Kaffee süffelte.
xxx
Der Treptower Park war die vorläufige Endstation einer zermürbenden Suche nach Arbeit.
Seine Ideen, seine Qualitäten, seine Erfahrung waren nicht mehr gefragt. Er bekam höfliche Absagen, wenn überhaupt. Oft kamen nicht einmal Antworten. Alle Kunden von früher sagten nett und bestimmt „Nein danke“.
Das war nicht persönlich gemeint. Es gab für Freie einfach kaum Jobs. Überall Kollegen, die den Beruf aufgegeben hatten. Sie hatten eine Kneipe, fuhren Taxi, hüteten ihre Kinder, soffen sich ins Vergessen.
Für einen Fahrradkurier war er zu alt. Er war kein besonders guter Handwerker und hatte keine Ausbildung. Da blieben nur Hilfsarbeiten – und selbst die waren schwer zu finden.

Er brauchte aber Jobs. Der Antrag auf Hartz IV war beim ersten Anlauf abgelehnt worden. Jetzt lief eine erneute Anfrage, bislang noch ohne Antwort.
Auf dem Konto war kein Geld, er musste ein paar Euro verdienen.
Im Amt hatte die Sachbearbeiterin geraten, es doch einmal in der Sonnenallee zu versuchen. Dort könne man, wenn man früh genug dran war, immer wieder Jobs ergattern. Das sei ja besser als gar nichts.
