“KOMMEN DURCH”
TANZ DER VIREN II
Schlimm an der Quarantäne in der Geschlossenen ist vor allem die Langeweile. 30, 40 Menschen mit einem Knick in der Biographie wissen nichts mit sich anzufangen. Die Langeweile ist nicht quälend, übermächtig ist sie. Keiner kommt aus, sie macht jeden auf der Station – Patienten, Pfleger, Ärzte – mürbe. Die meisten sind nach ein paar Tagen so ausgezehrt, dass sie nicht mehr die Kraft zum Spaziergang haben – wenn es erlaubt ist.
Kurz ist ein Leben in der Gruppe der Vier vom Raucherzimmer aufgeflackert, als Josef erzählte, wie er eingeliefert worden ist. Aber nun zündet man sich eine an und stiert vor sich hin. Ist noch ganz schön lang bis zum Abendessen.
Zeit zum gemeinsamen Schweigen. Zeit zum Zeit-Totschlagen.
FRANZ (dreht den Radio lauter, Söder ist dran): Der Typ genießt das richtig, was da draußen abgeht. Vielleicht haben wir es wirklich gut hier. Den ganzen Irrsinn sollen die mal ruhig unter sich ausmachen.
HERR SÖDER: Wir werden uns mit Ordnungs- und Strafrecht wehren. Ich hätte persönlich nie für möglich gehalten, in welchen Dimensionen wir heute politisch denken und handeln müssen. Ich bin zugleich sicher, dass wir auf dem richtigen Weg sind, ich bin aber auch ernüchtert. Die Situation ist für alle schwierig. Ich sage aber auch: Wir kommen da durch. Es gibt eine Zeit nach der Krise. Bayern wird auch danach noch da sein. Wir schaffen das.
Dann bringt der Radio ein bisschen bayerische Musik, und hernach wird eine Ansprache des Wirtschaftsministers Aiwanger wiederholt. Soll wohl Satire sein – der Aiwanger, wie er sich zum wiederholten Mal zum Deppen macht.
HERR AIWANGER. Wenn sechs bis acht Leute, jeder mit seinem Kumpel kommt, dann kann der sich natürlich jeweils mit seinem Kumpel, der seine Bezugsperson ist, an einen Tisch setzen. Und mit 1,50 Abstand sitzt der nächste Kumpel mit seinem Kumpel. Aber sie können nicht sechs mal zwei an einem Tisch sitzen, weil nicht mal die ersten Sechs an einem Tisch sitzen dürfen. Und zu den anderen ist jeweils 1,50 Abstand zu halten. Wenn der Tisch irgendwo 15 Meter lang ist und dann im Abstand von 1,50 immer die Pärchen gegenüber sitzen.
Die Patienten im Raucherzimmer haben Schnappatmung.
FRANZ. Spinnt der, oder spinnen wir?
HERR AIWANGER: Die Versicherungen sind auf die Gastro-Branche schon zugegangen – die zahlen jetzt schon, also, die haben jetzt schon das halbe Brathendl am Tisch. Alternative wär gwesn, wenn ich mich jetzt zurücklehne, dass ich sag, da läuft des Hendl im Gartn rum, fangt es ein. Dann hast Du ein ganzes Hendl. Den Rechtsanwalt dazu, und ich garantier Dir, ob Du des ganze Hendl jemals sehn wirst. Ich garantier Dir des halbe Hendl bratfertig am Tisch. Viele Wirte werdn jetz des halbe Hendl bratfertig am Tisch nehmen, weil sie sagn, des hab ich dann sofort und läuft dem Hendl hinterher.
FRANZ: Alles klar. Der spinnt. Das schaun mer mal, wie wir das schaffen.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
