WINTERWUT
TANZ DER VIREN II
Martin Stäbler hat alles getan. Die Räder und der Anhänger sind im Hinterhof angekettet, die Sportsachen in der Wohnung verstaut. Die Familie ist gefüttert, der Frittenfraß liegt schwer im Magen. Die Kinder haben sich in ihren Zimmern aufgeräumt, wahrscheinlich daddeln Renate und Robert, sie chatten, sie posten – die kriegen die Zeit schon irgendwie rum.
Ob man fernsehen wolle, hat Martins Frau Irene gefragt.
„Ach nein, im Augenblick nicht. Was läuft denn?“
Feiertagsprogramm. Irgendwas von früher. „Schatzinsel“. Audrey Hepburn. Cary Grant. „Schwarzwaldklinik“ – ja, sie zeigen alle Folgen der „Schwarzwaldklinik“.
„Nein, lass mal. Ich geh‘ noch ein bisschen ins Büro.“
Irene nickt und schaltet den Fernseher ein. Schwarzwald. Doktor Brinkmann. Gaby Dohm. Heimat von ganz früher sozusagen. Man kennt sich aus. Irene nimmt ihr Handy und schreibt ein paar Apps.
Angenehm lebt es sich in der Schwabinger Wohnung der Stäblers. Die Küche ist gemütlich, das Wohnzimmer präsentabel. Jedes Kind hat sein Zimmer, die Eltern ein helles Schlafzimmer mit Balkon, der Vater ein Büro, die Mutter einmal in der Woche eine Zugehfrau mit Maske.
Hoch sind die Räume, hoch die Türen, morgens und abends haben die Balkone Sonnenlicht. Stuck an der Decke, Parkett, dunkel geölte Eiche.
Es ist eine teure Wohnung. Wer sich die leisten kann, darf zufrieden sein.
Martin Stäbler zieht die Bürotür hinter sich zu. Er setzt sich an den Schreibtisch und knipst – das ist automatisch, darüber denkt er nicht groß nach – den Computer an. Er registriert zuerst nicht das Bild von der Bergeralm-Webcam, das seit dem Vormittag durch die Landschaften am Brenner schwenkt.
Das Zimmer ist aufgeräumt, riecht nach Pfeifen-Rauchen. Dabei zündet sich Martin alle Wochen eine an – er hat nur noch drei Lorenzos, das Besteck und einen Rooktabak Fijne Snede in der Schublade -, dabei geht es ums Ritual, nicht um Genuss. Ein Pfeiferl ein Flascherl Rotwein, ein Zeiterl Weg-Sein von allem.
Das Büro ist für den Rest der Familie tabu. So haben sie es schon immer gehalten.
Jetzt braucht Martin den Fluchtort mehr als früher.
Er sucht Musik aus. Heute ist ihm nach Beethoven, Triple Concerto. Das möchte‘ ihn besänftigen.
An der Bücherwand kommt Martin zu keiner Entscheidung, er geht zur Stellage mit den Weinen und wählt einen Bordeaux, nimmt ein Glas aus dem Regal. Setzt sich in den bequemen roten Bauhaus-Lederstuhl, holt Korkenzieher und Rauchgarnitur aus der rechten oberen Scheibtisch-Schublade, öffnet die Flasche, stopft die Pfeife, macht Feuer, drückt die Glut fester, gießt ein, nimmt einen Schluck.
Eigentlich ist er vom Leben verwöhnt. Eigentlich.
Jetzt nimmt er den Bildschirm wahr. Erinnert sich.
Stimmt, er hat sich morgens bei bergruf.de eingeloggt und geschaut, wie das Wetter in den Bergen ist. Hängen geblieben ist er am Brenner.
Matrei. Steinach. Maria Waldrast.
Jetzt schwenkt die Panoramakamera durch die Nachtschwärze, Glühwürmchen auf dem Schirm – das sind die Lichter aus den Häusern und an den Liftstationen, das sind auch die Pistenfahrzeuge, die die Abfahrten für den nächsten Tag glatt machen.
Matrei. Steinach. Maria Waldrast.
Martin Stäbler gerät ins Träumen. Er dreht die Zeit im Computer zurück – schwupps, schon hat er Mittag in Matrei.
Grelle Sonne. Blaugewienerter Himmel. Das Weiß der Berge ist bei 90 Grad gekocht und frisch gestärkt. Im Dorf ziehen Erwachsene Rodelschlitten mit Kindern drauf über die verschneiten Straßen. Auf den Pisten wedeln sie frei und froh, keiner steht an, die Österreicher sind unter sich, da gibt es keine Schlangen. Eine Schneeschuh-Wanderin folgt der Spur in einem winterlichen Bachbett.
Es ist ein Idyll.
Martin Stäbler zieht an der Pfeife, trinkt einen Schluck, im Kopf wabert ein willkommener Dunst hoch.
Ein Idyll?
Ein Scheißdreck ist es.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
