WIN-WIN
TANZ DER VIREN II
Ist noch eine lange wilde Nacht geworden. Irgendwann enterten die von Mischa Grabhammer engagierten Damen den Partykeller. Sie waren sehr anstellig, hatten ja momentan nicht so viele Aufträge und somit ihren Beruf wieder richtig schätzen gelernt. Wenn man wollte, durfte man sie sogar küssen, auf den Mund.
Was den Escort angeht, da kann man nur sagen: Diese Pandemie ist geil.
Mitte der Woche traf sich Ferdl mit einem österreichischen Geschäftsmann. Reinhard Schuster nannte er sich, ihm gehörte Sebasecure, ein Unternehmen mit Sitz an der Grenze zur Slowakei.
Sie hatten eine Bar in der Maximilianstraße ganz für sich. Grabhammer war dort Teilhaber, das Personal kümmerte sich um die beiden einzigen Gäste im hinteren Raum – auf der Straße bekam niemand etwas mit.
Das sei fesch, meinte Schuster, mal wieder in einer Wirtschaft zu sitzen. Ihm gehe dieser „Lockdown“ sehr auf die Nerven. Der Geschäftsmann hätte auch als Model arbeiten können, er sah unverfroren gut aus, und der Anzug war sehr teuer.
„Schade, dass Herr Grabhammer nicht kommen kann. Sag‘ ihm schöne Grüße.“
Ferdl zog kurz die Augenbrauen hoch, mehr ließ er sich nicht anmerken. Er nickte.
„Ich darf doch ,Du‘ sagen?!“
Der Typ hatte den Schmäh drauf. Er klang wie ein Zillertaler Skilehrer und wie ein Wiener Falott und wie ein Innsbrucker Landeshauptmann. Dem konnte man das „Du“ nicht abschlagen.
„Freilich. Der Mischa, wie gesagt, lässt sich entschuldigen – Geschäfte. Ich hab Procura.“
Das höre sich gut an. Herr Schuster war auf einmal recht vergnügt, er ließ das Zahlenschloss seines teuren Aluminium-Attaché-Aktenkoffers aufschnappen und breitete das Angebot aus. Dazu zeigte er dann und wann auf dem Apple einen aufwändig gemachten Demo-Film.
Reinhard Schuster verstand sich aufs Verkaufen. Er hatte gute Ware, er rief exklusive Preise auf, seine Kundschaft brauchte einen wie ihn.
Sebasecure sorgte für die Zeiten, wenn es mit der Welt dahin gehen würde. Das hat die Firma, mit Blick auf den Klassenfeind in Pressburg auf drüberen Seite der Donau, schon seit Langem als Vision:
Unser Unternehmen beschäftigt sich seit über 30 Jahren mit der Planung, Ausstattung und Einrichtung von Schutzräumen und hat im Laufe der Jahre seine Produktpalette um innovative Produkte wie persönliche Schutzausrüstung, Notvorrat und Langzeitnahrung sowie Zentralabsauganlagen erweitert.
Mit seinem Singsang hat der Reinhard mit dem Ferdl in einer Stunde einen 100000-Euro-Deal gemacht. Er würde liefern:
Dehydrierte Lebensmittel, sicher in Metalldosen à 1,2 Liter abgepackt, extrem lange haltbar, ohne Konservierungsstoffe und ohne Chemie, kindergerecht und wohlschmeckend, kein Kochen (nur heißes Wasser dazugeben), 15-20 Jahre haltbar!
Grundnahrungsmittel für ein Jahr, Gesamtkalorienzahl 67500 Genug zum Überleben für drei Menschen.
Trockenaborte.
Trinkwasserbehälter.
Fäkalbehälter.
Schutzraumventilatoren.
Raumüberdruckmessgeräte.
Gasfilter.
Strahlenmessgeräte.
Strahlendetektoren und -schutzanzüge.
Befreiungswerkzeuge, im Einzelpaket heißt das: eine lackierte Spanplatte, 70/140 Zentimeter; eine Pionierschaufel; ein Handbeil; eine Handsäge – Fuchsschwanz; ein Metallsägebogen; Ersatzblätter für die Metallsäge; ein Fäustel, 1,5 Kilogramm; ein Fäustel, 1,25 Kilogramm; ein Spitzmeisel 300 Millimeter; ein Flachmeisel, 300 Millimeter; ein Krampen; eine Brechstange, 1000 Millimeter; ein Bergetuch.
Das alles hat Ferdl procura in zehnfacher, zwanzigefacher, im doppelten Dutzend bestellt. Dazu eine Aufrüstung und einen Dreifach-Schutz für die Räumlichkeiten. Man kann ja nie wissen.
Lieferung in einer Woche. Dann könnte er vor Ort die Richtigkeit überprüfen.
„Bittesähr, gärn“, sagt Reinhard Schuster und lächelte geschmeidig.
Wie es schien, war das ein Win-Win-Ding.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
