WEGPICHELN
TANZ DER VIREN II
Jetzt hat Hans die Welt für sich. Heute stört ihn niemand mehr.
Er macht es sich unterm Vordach auf einer Holzveranda mit Bank und grobem Tisch gemütlich. Packt seine Schätze aus und beginnt mit der Feier. Ganz genüsslich lässt er es angehen.
Im Radio spielt einer Bach. Hans schlägt Seite 1 im Notizbuch auf. Er zeichnet mit dem Kugelschreiber nach der Natur.
Die sanfte Almwiese, dahinter den steilen Bergwald. Die Felsen, drüber das Gewölk.
Wild schraffiert er das Szenario aufs Papier, er sehnt sich nach Marie.
Eine wie sie hatte er nicht mehr auf der Rechnung gehabt. Sein Freund hatte ihn und Marie zusammengebracht.
„Das ist der Hans. Schriftsteller und Journalist. Bis vor einem halben Jahr – ist es okay, wenn ich das erzähle? – hat der Hans auf der Straße gelebt. Jetzt arbeitet er auf dem Feld. Den kriegste nicht kaputt, den Hans.“
Marie hatte den fremden Mann angelacht. Wie das gewesen sei, die Sache mit dem Auf-der-Straße-Leben. Ob er so richtig obdachlos gewesen sei? Und, wenn sie fragen dürfe, warum?
Sie hatten eine Nacht geredet. Drei Nächte nebeneinander geschlafen, ohne miteinander zu schlafen. Dann Sex. Es war gut gewesen. Ganz frisch und unerwartet vertraut.
Die Zeichnung ist fertig. Hans beginnt auf Seite 2, über Marie zu schreiben. Über das Ende des kurzen Zusammens. Darüber, wie sie ihm fehlt.
Während er schreibt, vergisst er das Trinken.
Als es dunkel wird, klappt er das Buch zu. Zieht sich den Pullover und den dicken Anorak für die Nacht an. Zündet zwei Kerzen an, isst, trinkt.
Prokofjew, die Fünfte.
Später schreibt er bei Flackerlicht, die Buchstaben wackeln jetzt sehr:
—
Ich habe heute einen Mond gesehen, der mir sagte, er könnte mein letzter Mond sein.
„Hey Freund“, habe ich gesagt. „Hey Freund, Du auch da?“
Er war hell und huldvoll. Mir ist gewesen, als ob er mir ein Lächeln gab.
„Ich will nicht“, habe ich gesagt, „dass Du mein letzter Mond bist.“
Da hat er sich eins gegrinst.
„Was gibt es zu äffen?“, habe ich gefragt.
„Alter“, hat er gesagt, „bleib lässig.“
„Was heißt da lässig bleiben“, habe ich gesagt. „Du redest neunmalgescheit daher. Ich will Dir mal was sagen…“
„Was willste mir sagen? Was willste mir sagen?“
„Na gut: Wer bist Du denn eigentlich? Wenn einer meint, Mannomann, der Mond hat wieder ganz schön zugenommen – was machste dann? Lässig bleiben? Du nicht, Herr Mond. Sofort biste beleidigt und nimmst ab, bis man Dich nicht mehr sieht. So einer bist Du nämlich.“
„Du machst Dich lächerlich“, sagte der Mond zu mir. „Du heulst mich da an und lamentierst, dass ich Dein letzter Mond bin. Kokettierst mit Dich-Umbringen und so ‘nem Scheiß.“
„Das ist kein Scheiß“, habe ich geantwortet. Und da hat er ganz breit gefeixt.
„Weißte was?“
„Was?“
„Du bist zu feig, aufzugeben. Das bringst Du nicht.“
Ich bin echt beleidigt gewesen. Behauptet doch der Arsch von Mond, ich sei zu feige, mich umzubringen!
„Du hast nicht die Eier“, hat er gemeint. „Ist auch nicht schlimm. Dann lebste halt weiter.“
Hmm.
So war das, als der Mond heute mit mir geredet hat. Ich habe versucht, ihm zu erklären, wie sehr ich am Hund bin.
„Ich gebe nicht auf. So ist es nicht. Aufgegeben habe ich nie. Aber ich kann nicht mehr. Ich werde nicht mehr fertig mit den Dingen.“
„Hör doch auf mit der Sauferei. Dann wirste fertig mit den Dingen.“
„Wie denn, aufhören? Dann ist es nicht mehr zu ertragen. Dann fällt mir nichts mehr ein. Dann bringe ich es nicht.“
„Was denn, Du Lapp. Was redste für einen Scheiß? Dir fällt nichts mehr ein? Was fällt Dir denn ein? Wie Du den Alk organisierst und das Fressen und die Kohle – das fällt Dir dein. Die anderen Ideen sind eh fürn Arsch. Keiner will was von Dir.“
„Aber…“
„Is doch so. Da kannste Dich weglöffeln – und das wirste auch tun. Aber es wird schon noch ein bisschen dauern. Dein letzter Mond bin ich nicht, das kannste mir glauben.“
„Aber…“
„Magst wissen, wie das weiter geht? Ich sag’s Dir. Du triffst Dich erstmal ein Zeit mit alten Freunden.“
„Was? Was für alte Freunde?“
„Na, mit denen von früher.“
„Wie soll ich mich mit denen treffen? Die sind tot. Oder ich weiß nicht, wo sie sind. Oder sie reden nicht mehr mit mir.“
„Doch, sie werden da sein. Oben drin in Deinem Kopf. Musst Dir nur Mühe geben. Vergiss allen Scheiß. Konzentriere Dich aufs Wesentliche!“
„Aber…“
„Aberaberaber. Blödsinn. Du machst das schon. Wir sehen uns wieder.“
—
So notiert Hans seine Unterhaltung ins Moleskine. Dann schreibt er nicht mehr. Er trinkt halt, bis er nicht mehr kann.
Es ist saukalt, aber Hans spürt es nicht.
Soll er seinen Rausch ausschlafen.
© BILDKUNST JOHANNES TAUBERT
